Boxen : "Munitionsentsorger": Für die Abrüstung gut gerüstet?

Claus-Dieter Steyer

Handy ausschalten, Feuerzeug oder Streichhölzer abgeben, rote Karte nach ausführlicher Überprüfung der Personendaten umbinden, Begleitung durch einen Mitarbeiter abwarten: erst danach öffnet sich das Eisentor. Der Weg dahinter führt zu einer äußerlich unscheinbaren Halle mit weißen Betonwänden. Hinter den Stahltüren arbeiten Menschen in merkwürdiger Kleidung. Sie tragen einen weißen Schutzanzug und eine Gesichtsblende aus farbigem Kunststoff. Über einen Schlauch werden sie mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt. "Munitionsentsorger" nennt sich die nicht ganz alltägliche Berufsbezeichnung. Von der Pistolenpatrone bis zur Splitterbombe kommt hier alles unter den Hammer, wenn das auch nicht ganz wörtlich zu nehmen ist. Pinnow in der Uckermark in der Nähe von Schwedt gehört nach wie vor zu den größten ostdeutschen Betrieben dieser Art. Aufträge aus vielen Ländern, vor allem aus den USA, sichern die Jobs von derzeit 83 Beschäftigten.

Dabei hatte es lange Zeit gar nicht so rosig für den Industriepark mitten im Wald ausgesehen. Noch immer hängen an einigen Wänden alte Firmenschilder mit der Aufschrift "Buck Pinnow". Das in Süddeutschland beheimatete Unternehmen war 1991 in das große Geschäft mit der Abrüstung eingestiegen. Unmengen an Munition der aufgelösten NVA gingen in den Schredder, in Spezialöfen und andere komplizierte Maschinen zur Demontage. Regierungsdelegationen aus 30 Ländern, Abordnungen der NATO und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gaben sich auf dem Gelände die Klinke in die Hand. Bis 1999 wurden rund 420 000 Raketen sowjetischer Bauart, amerikanische Clusterbomben sowie Granaten aller Art entsorgt. Die entsprechenden Maschinen standen in jenen Hallen, in denen bis zur Wende noch Panzerabwehrraketen produziert worden waren. Doch die Firma Buck musste Ende 1998 Konkurs anmelden.

Seit einiger Zeit stößt der Besucher auf neue Schriftzüge an den Türen. Die Firma Nammo - Nordic Ammunition Company - hat die Munitionsentsorgung und die Vermarktung des gesamten Industrieparkes übernommen. Norwegische, schwedische und finnische Unternehmen halten die Mehrheit der Geschäftsanteile. Den Rest halten die drei skandinavischen Länder. "Wer Munition demontieren will, braucht dafür staatliche Beihilfen", sagt der Pinnower Verwaltungschef Stefan Urbanek. "Die Schrittverwertung und der Verkauf des bearbeiteten Sprengstoffes bringen höchstens ein Drittel der Gesamtkosten." Deshalb treffen die Waffentransporte derzeit nur aus westlicher, südlicher und nördlicher Richtung ein. Den osteuropäischen Ländern fehlt einfach das Geld.

Vor allem russische Militärs fuhren deshalb etwas enttäuscht aus Pinnow in die Heimat zurück. "Die hatten schon Dollarzeichen in den glänzenden Augen, weil sie hier das große Geschäft witterten", erinnert sich ein Arbeiter. Sie spekulierten auf die hochwertigen Materialien in den Raketen, die sie absetzen wollten. Doch die Demontagekosten überstiegen die Verkaufserlöse beträchtlich. "Langfristig kommen die neuen NATO-Mitglieder wohl nicht um eine Beseitigung der alten Waffenbestände herum", erklärt Stefan Urbanek.

So dominieren auf dem Gelände vorerst Lieferungen aus den USA, Dänemark, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und natürlich aus Bundeswehrkasernen. Rund 20 weitere Firmen mit rund 200 Mitarbeitern haben sich nach der Buck-Pleite wieder in Pinnow angesiedelt. Die meisten haben ganz bewusst die Nähe zu den Munitionsentsorgern gesucht - der Sicherheit im Industriepark wegen.

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