Boxen : Nach Bombenfund: Evakuierung mit Hindernissen

Anwohner beklagten schlechte Organisation Entschärfung des Sprengkörpers verlief problemlos

Guido Berg,Juliane Wedemeyer

Potsdam - In der Landeshauptstadt ist gestern eine Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft worden. Nach Angaben des technischen Leiters des Staatlichen Munitionsbergungsdienstes, Horst Reinhardt, handelte es sich um eine englische Sprengbombe. Die Entschärfung verlief nach Behördenangaben völlig unproblematisch. Allerdings mussten am Morgen rund 12 000 Menschen ihre Wohnungen und Büros verlassen. Zudem wurden der Hauptbahnhof geräumt und der Zug- und S-Bahn-Verkehr ab 9 Uhr eingestellt. Die Räumung des Sperrgebietes rund um den Potsdamer Stadtteil Zentrum-Ost gestaltete sich schwieriger als erwartet.

Seit 7 Uhr morgens klingelten und klopften rund 200 Mitarbeiter der Kommune an jede Tür im Wohngebiet Zentrum Ost. Die meisten Menschen wussten bereits Bescheid, hatten Zeitung gelesen oder Radio gehört. Ein Baggerfahrer hatte am Donnerstag auf einer Baustelle in der Lotte-Pulewka-Straße nahe dem Potsdamer Hauptbahnhof die Bombe aus der Erde gehoben. Ein Bombenentschärfer hatte das für die Entschärfung notwendige Sperrgebiet festgelegt.

Eigentlich sollte das bereits um 10 Uhr menschenleer sein, doch zu diesem Zeitpunkt saßen immer noch einzelne Personen in ihren Wohnungen fest. Denn die Feuerwehr mit ihren zwölf Transportwagen konnte nicht schnell genug alle Hilfebedürftigen abholen. Einige Bewohner weigerten sich auch, ihre Wohnung zu verlassen: „Ist mir wurschtegal“, sagte eine alte Frau, „mich kriegt ihr hier nur mit Gewalt raus“. Erst der Hausmeister konnte sie überreden zu gehen. Erst um 12.05 Uhr war das Sperrgebiet tatsächlich frei.

Einige ältere Damen, die sich zum Alten Rathaus begeben hatten, äußerten sich stocksauer: „Wofür kriegen die Behörden ihr Geld, fragt man sich? Wer geht schon am späten Abend noch vor die Tür, um die Anschläge zu lesen?“ Mitarbeiter des Ordnungsamtes hatten die Informationen über die Evakuierung am Donnerstagabend eilig an die Häuser geklebt. Die Frauen nahmen auf der Bank vor dem Alten Rathaus Platz, die an diesem Morgen noch in kühlem Schatten liegt. Die Ausstellungsräume im Rathaus füllten sich schnell. Rettungswagen brachten immer mehr zumeist ältere Menschen in Sicherheit. Sie mussten die Stufen zum Eingang hinauf, für die Rollstuhlfahrer und Behinderten machte sich schmerzlich bemerkbar, dass die Hebebühne am Seiteneingang defekt war.

Vor dem Hauptbahnhof reagierten derweil Reisende ziemlich entgeistert auf die Sperrungen. Ein Pärchen, das von Berlin nach Werder zum Zelten fahren wollte, fand sich per Schienenersatzverkehr auf dem Alten Markt wieder. Nun erfuhren die beiden, dass der Bahnhof gesperrt ist. „Und wir haben nicht ’mal Bier dabei“, knurrte die Frau in ihr Handy, als sie ihren Freunden von der „Odyssee“ berichtete.

Insgesamt waren mehr als 200 Helfer im Einsatz. Betroffen von der Evakuierung waren auch Institutionen der Landesregierung. Mitarbeiter von Staatskanzlei, Justiz- und Wirtschaftsministerium blieben zu Hause. Ab 13.30 Uhr wurden alle Sperrungen wieder aufgehoben. Die Züge am Hauptbahnhof sowie Busse und Straßenbahnen fuhren wieder. Und alle Bewohner des Sperrgebietes konnten in ihre Häuser zurückkehren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar