• NACH DEM AUSBRUCH VON SERGEJ SEROW: Justizminister wirft Gefängnisleitung schwere Fehler vor

Boxen : NACH DEM AUSBRUCH VON SERGEJ SEROW: Justizminister wirft Gefängnisleitung schwere Fehler vor

MICHAEL MARA

POTSDAM .Justizminister Hans Otto Brautigam hat schwere Vorwürfe gegen die Leitung des Justizvollzugsanstalt Potsdam erhoben: Die Flucht des russischen Kriminellen Serow sei auf "schwerwiegende Fehlentscheidungen" in der JVA zurückzuführen, sagte Bräutigam gestern nach einer Anhörung im Landtag.Vor allem die Entscheidung, Serow als Hausarbeiter einzusetzen, sei "aufs schärfste zu beanstanden", da dieser von der Staatsanwaltschaft als gefährlich eingestuft worden sei.Für die CDU hat die Anhörung "mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet worden sind", sagte der CDU-Sicherheitsexperte Dierk Homeyer."Je tiefer man hineingeht, um so skandalöser wird es".Allerdings vermied es die CDU, Bräutigams Rücktritt zu fordern: Zunächst müßten die Vorgänge rückhaltlos aufgeklärt werden.

Bräutigam selbst schloß einen Rücktritt gestern zwar nicht ausdrücklich aus: Er trage die politische Verantwortung und werde nach Vorliegen der Ermittlungsergebnisse entscheiden, wie er ihr angemessen gerecht werde.Doch sprach ihm die SPD-Mehrheitsfraktion ihr "volles Vertrauen" aus.Bräutigam sei ein "hervorragender Justizminister mit unbestrittener Autorität", sagte der parlamentarische Geschäftsführer, Wolfgang Klein.Auch Ministerpräsident Manfred Stolpe stellte sich hinter seinen Justizminister: Er beteilige sich nicht an Vorverurteilungen.In SPD- und Regierungskreisen hieß es unisono, wenn personelle Konsequenzen zu ziehen seien, dann auf Anstaltsebene." Dort seien ohne Wissen Bräutigams gravierende Fehler gemacht worden.Hinter vorgehaltener Hand hieß es, daß Bräutigam eine der wichtigsten Stützen Stolpes sei und eine hohe Autorität genieße.Sein Rücktritt würde Stolpe schwächen.Stolpe nehme die Vorgänge zwar außerordentlich ernst, wolle seinen Minister und Berater aber halten.

Bei der Anhörung kamen kaum neue Einzelheiten der Umstände der Flucht Serows ans Licht: So ist laut Bräutigam nach wie vor ungeklärt, wie sich Serow "seinen Fluchtweg hat bahnen können".Völlig mysteriös ist, warum Serov, nachdem ihn die Staatsanwaltschaft als gefährlich eingestuft hatte, als Hausarbeiter eingesetzt werden konnte.Die Entscheidung darüber, so Bräutigam vor dem Ausschuß, sei in Abwesenheit des Anstaltsleiters und seines Stellvertreters getroffen worden.Genau so mysteriös ist, daß er weiter als Hausarbeiter beschäftigt wurde, nachdem er im August beobachtet wurde, wie er sich an der Dachluke, durch die er offenbar flüchtete, zu schaffen machte.

Daß Serow Hilfe von außen erhielt, halten Fahnder für ausgeschlossen

Hinweise, aber immer noch keine Spur von Hintze-Entführer

VON WERNER SCHMIDT

POTSDAM.Auch drei Tage nach der spektakulären Flucht von Sergej Serow aus der Potsdamer Untersuchungshaftanstalt gibt es noch keine Spur von dem Entführer des Gastwirtsohnes Matthias Hintze aus Geltow.60 bis 70 Hinweise sind bisher bei der Polizei eingegangen; keiner verspricht einen schnellen Fahndungserfolg.

Manche Hinweisgeber wollen Serow in Lokalen oder öffentlichen Verkehrsmitteln gesehen haben.Unter den Anrufern seien aber auch Pendelschwinger und Wünschelrutengänger, die den angeblichen Aufenthaltsort von Serow mit übersinnlichen Kräften ausfindig gemacht haben wollen, sagte der Potsdamer Polizeisprecher Geert Piorkowski.Er warnte davor zu versuchen, den als sehr gefährlich geltenden Serow zu stellen, falls Zeugen ihn auf der Straße erkennen sollten.

Dabei ist bisher völlig unklar, wo sich Serow aufhalten könnte.Es wird allerdings ermittelt, ob er bei seiner Flucht Hilfe in der Haftanstalt erhalten hat.Gestern wurden Bedienstete und Häftlinge des Gefängnisses vernommen.Für nahezu ausgeschlossen halten es die Fahnder, daß Serow Hilfe von außen erhielt."Dafür gibt es bisher keinerlei Hinweise", sagte Piorkowski.Auch daß Serow von der sogenannten Russenmafia befreit wurde, die damit verhindern will, daß der 38jährige Russe über die Hintermänner der Hintze-Entführung oder der Verschleppung des Berliner Computerhändlers Alexander Galius im Sommer 1997 aussagt, wird als Spekulation bezeichnet.Es gibt aber auch Stimmen, wie die des Rechtsanwalts der Familie Galius, Andreas Schulz, die glauben, Serow sei längst von der Russenmafia getötet worden.Auch dafür gibt es keine Hinweise.Allerdings sollen die in Berlin ansässigen Paten bereits im Frühherbst 1997 der Polizei ihre Hilfe bei der Suche nach dem zu diesem Zeitpunkt noch vermißten Matthias Hintze angeboten haben.Offenbar sollten die mit der Entführung des Gastwirtsohnes ausgelösten Aktivitäten der Polizei eingedämmt werden.Allerdings fand auch die Russenmafia Hintze nicht.

Nach Auffassung von Sicherheitsexperten könnte sich Serow längst in Polen oder Rußland in Sicherheit gebracht haben.Bei den Vorbereitungen seiner Flucht könnte ein Helfer einen falschen russischen oder polnischen Paß besorgt haben, die Fälscher im polnischen Grenzort Slubice bereits für knapp 500 Mark anbieten.Ohne Eile, da er im Gefängnis nicht vermißt wurde, könnte Serow beispielsweise den Regionalexpreß 3245, Abfahrt 0.27 Uhr am Bahnhof Potsdam Stadt nach Frankfurt (Oder) - Ankunft 5.08 Uhr - genommen haben, um dann um 8.37 Uhr in Richtung Warschau weiterzufahren - unbehelligt von den Grenzkontrollen, denn die Potsdamer Polizei löste die Großfahndung erst aus, als der Zug um 13.40 Uhr in Warschau eintraf.

"Etliche Vorschriften wurden mißachtet"

Kritik von Berufsverbänden

POTSDAM/BONN/FREIBURG.Experten haben die Umstände heftig kritisiert, die dem mutmaßlichen Hintze-Entführer Sergej Serow zur Flucht aus dem Gefängnis Potsdam verhalfen."Es wurden etliche Vorschriften mißachtet", sagte gestern der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten in Deutschland (BDSD), Franz Hellstern.Gleichzeitig wies er auf eine Überlastung der Bediensteten hin.Hellstern sagte, es sei ihm völlig fremd, wie man die geltenden Sicherheitsregeln derart mißachten könne.Einen Täter wie Serow müsse man als gefährlichen Gefangenen einstufen und entsprechend behandeln.Dazu gehörten zum Beispiel tägliche Zellenkontrollen und kein so großer Bewegungsspielraum.

Der brandenburgische Landesvorsitzende des Berufsverbandes, Willi Köpke nannte es unerklärlich, daß nicht sicher sei, ob Serow beim Verriegeln der Zelle in derselben gesessen habe.Jeder Häftling habe zwar das Recht, nicht zu frühstücken.Dies ändere jedoch normalerweise nichts daran, daß am Morgen kontrolliert werde.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte einen Untersuchungsausschuß, um den Vorgang zu überprüfen.Es sei doch klar, daß ein Mann mit dieser kriminellen Energie versuchen werde, sich dem Verfahren zu entziehen."Mit dem Frühstück, das ist ja wie im Sanatorium", hieß es.Der BDK kritisierte auch die für die Fahnder frustrierende Situation.Der Bund der Strafvollzugsbediensteten warf der Politik Mißachtung der Realität in den Gefängnissen vor.Seit Jahren werde nicht auf Veränderungen reagiert.In Deutschland gebe es 300 Gefängnisse.Die durchschnittliche Überbelegung liege bei 30 Prozent.

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