Boxen : Nachdenken zwischen Schwerlastern

CLAUS-DIETER STEYER

ORANIENBURG .Der vorbeifahrende Betonmischer unterbricht jedes Nachdenken vor der Informationstafel.Aufgewirbelter Staub beißt in den Augen.Die Pause ist nur kurz.Denn um die Ecke biegt schon das nächste große Baufahrzeug.Es ist schwer vorstellbar, daß sich auf diesem vielbefahrenen Gelände unweit der Lehnitzschleuse in Oranienburg ein großes Arbeits- und Strafkommando des benachbarten KZ Sachsenhausen befand.Aus dem damals von Häftlingen errichteten weltgrößten Klinkerwerk sollten die Baustoffe für die gigantischen Vorhaben der NS-Führung zum Umbau von Berlin kommen.Hunderte, vielleicht mehrere tausend KZ-Insassen, starben hier entweder durch unmenschliche Arbeitsbedingungen, Mißhandlungen oder durch gezielte Vernichtungsaktionen.Die Idee eines Geschichtsparkes an diesem Ort scheint längst überfällig zu sein.

Nur noch wenige bauliche Reste erinnern an die einstige Leidens- und Hinrichtungsstätte.Ein großer Baustoffproduzent hat das frühere Klinkerwerk mit eigenem Hafen am Oder-Havel-Kanal nach der Wende von der Stadt erhalten.Im damaligen Drang nach Gewerbegebieten war offensichtlich die historische Belastung des nach Kriegsende von der Sowjetarmee und später durch die NVA genutzten Geländes unbeachtet geblieben.Jetzt wollen Stadt, die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die Opferverbände und der Baubetrieb gemeinsam mit Wegen, Tafeln und einer Figurengruppe den schon 1997 begonnenen Geschichtspark ausbauen.Der Antrag auf Fördermitteln beim Brandenburger Städtebauministerium ist gestellt.

Vor allem Schüler des Oranienburger Runge-Gymnasiums haben sich intensiv mit der Geschichte des Klinkerwerks beschäftigt.Sie entwickelten Modelle für den Gedenkplatz an der Südspitze des Hafens.Ein Workcamp mit 30 Teilnehmern schüttete die noch überall im Gelände liegenden gelben Ziegelsteine am Hafenbecken zu einem Dreieck auf, das sowohl an den Aufnäher an den Häftlingskleidern als auch an die Architektur des KZs erinnert.Die Baufirma legte einen Zugangsweg an.Auf der anderen Seite des Hafens stellte die Bundeswehr einen drei Tonnen schweren Findling aus Granit auf, der in dem nie in Betrieb genommenen Steinbearbeitungswerk für die "Hauptstadt Germania" geformt werden sollte.

Angehörige der Opfer und Besucher haben jetzt wenigstens einen Ort zum Gedenken.Ins Hafenbecken, in dem heute wieder Frachtschiffe anlegen, kippte die SS im Januar 1945 acht bis neun Tonnen Leichenbrandreste aus dem Krematorium des KZs Sachsenshausen.Die Spuren der Verbrechen sollten verwischt werden.

Heute machen der rollende Schwerlastverkehr und der Krach der nahen Betonmaschinen eine Besinnung unmöglich."Der weitere Aufbau des Geschichtsparkes muß jetzt in die Hände professioneller Architekten und Planer", sagt Horst Seferens, Pressesprecher der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.Die Stiftung habe gemeinsam mit den Schülern und der Stadt ihre Vorschläge unterbreitet.

Vorgesehen ist die Anlage von Wegen abseits des Schwerlastverkehrs, die Aufstellung von 20 Info-Tafeln und eine Ausstellung.Beim Anblick der baulichen Reste scheint Eile geboten zu sein.Die ehemalige Großbäckerei, die das KZ und das SS-Truppenlager versorgen mußte, gleicht schon einer Ruine.Dabei hatte das Gebäude noch vor acht Jahren der NVA als Küche gedient.

Eine genaue Zahl der im Klinkerwerk ums Leben gekommenen Häftlinge ist unbekannt.In Nachkriegsprozessen von zwei bis drei Toten täglich die Rede.Unberücksichtigt blieben planmäßige Mordaktionen.So wurden 180 bis 200 homosexuelle Häftlinge im Sommer 1942 umgebracht.Außerdem starben etwa 200 Häftlinge bei einem Luftangriff am 10.April 1945.Die in den Bombentrichtern verstreuten Leichen sind vermutlich nie geborgen worden.

Die Anfänge des Geschichtsparkes befinden sich nordöstlich der KZ-Gedenkstätte und sind über die B 273 und die erste Einfahrt hinter der Lehnitzbrücke zu erreichen.

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