Boxen : Nationalpark öffnet sich den Touristen

Im Unteren Odertal sollen Besucher bald baden, angeln und Kanu fahren dürfen. Naturschützer willigen in Kompromiss ein

Claus-Dieter Steyer

Criewen - Der vor zehn Jahren gegründete Nationalpark Unteres Odertal könnte doch noch eine Erfolgsgeschichte werden. Während bisher ein erbitterter Streit zwischen Naturschützern auf der einen Seite und Bauern und Besuchern auf der anderen Seite das Bild bestimmte und Besucher eher abschreckte, soll jetzt endlich Ruhe einziehen. „Wir wollen das landschaftlich so reizvolle Gebiet für die Menschen öffnen und sie nicht mehr aussperren“, kündigte Brandenburgs Umweltstaatssekretär Dietmar Schulze gestern in Criewen an: „Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Änderung des Nationalparkgesetzes, die wir dem Landtag Ende Mai vorlegen wollen.“

In dem sich auf rund 60 Kilometer Länge entlang der Oder von der deutsch- polnischen Grenze bei Stettin bis Hohensaaten erstreckendem Gebiet soll wieder jedermann seinem Freizeitspaß nachgehen können: Reiten, Angeln, Jagen, Eislaufen, Pilze- oder Beerensammeln und mehr: „Ab diesem Jahr wird an ausgewiesenen Stellen das Baden möglich sein. Darüber hinaus haben wir drei Kanustrecken ausgewiesen, die mit dem Beginn der Sommersaison eröffnet werden“, sagte Nationalpark-Chef Dirk Treichel.

Ausgenommen bleiben nur die Totalreservate, auf denen die Besucher die vorgeschriebenen Wege nicht verlassen dürfen. Derzeit stehen rund 1400 Hektar unter dieser höchsten Schutzkategorie. Das noch gültige Nationalparkgesetz sieht vor, diesen Anteil bis zum Jahre 2010 auf 5000 Hektar und damit die Hälfte der Gesamtfläche zu steigern. Ein ehrenamtlich wirkender Förderverein kaufte deshalb schon seit Anfang der neunziger Jahre mit Steuermitteln aus dem Bundesumweltministerium zahlreiche Flächen auf. Auf ihnen durfte dann aus Rücksicht auf die Natur keine Landwirtschaft und keine Jagd mehr betrieben werden. Heftige Konflikte in dem Gebiet rund um Schwedt waren die Folge. Unvergessen bleibt die Aktion des damaligen Agrarministers Edwin Zimmermann (SPD), der vor elf Jahren noch eigenhändig Schranken über die Wege für „seine“ Landwirte beseitigte.

Erst vor zwei Wochen schlossen das Agrarministerium und jener Förderverein einen gerichtlichen Vergleich zur Beendigung der Streits. „Beide Seiten machten Kompromisse“, teilte der Vereinsvorsitzende Thomas Berg mit. „Wir sollten die Schlachten der Vergangenheit ruhen lassen.“ Über Einzelheiten des Vergleichs wurden zwar Stillschweigen vereinbart. Aber offensichtlich geben beide Seiten das Ziel auf, bis 2010 tatsächlich die Hälfte des Nationalparks unter Totalschutz zu stellen.

„Dieser Zeitdruck war unnötig“, sagte Staatssekretär Schulze. Der Förderverein habe alle möglichen Flächen gekauft, die jetzt einem Flickenteppich ähneln. Da könne sich doch kaum etwas entwickeln. „Wir wollen stattdessen große und zusammenhängende Gebiete zur Wildnis machen.“ Deshalb laufe jetzt ein großes Flächentauschprogramm mit 2700 Eigentümern innerhalb und außerhalb des Parks. Landwirte, die ihre Felder und Weiden für den Naturschutz aufgeben müssen, erhalten Ersatzflächen außerhalb des Nationalparks. Insgesamt geht es um rund 20 000 Hektar, die im Laufe der nächsten Jahrzehnte an- und verkauft werden. Außerdem erhalten Landwirte Entschädigungen, wenn sie auf Chemie verzichten oder ihre Felder später als üblich abernten.

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