Boxen : Neun tote Babys: Strafe muss neu verhandelt werden

Bundesgerichtshof zweifelt an Schuldfähigkeit. Mutter könnte milderes Urteil bekommen

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Leipzig/Frankfurt (Oder) - Es bleibt dabei: Sabine H. ist schuldig, verantwortlich dafür, dass acht ihrer Kinder nach der Geburt starben. Totschlag in acht Fällen – so nannte das im vergangenen Juni das Landgericht Frankfurt (Oder). Obwohl der Bundesgerichtshof in Leipzig jetzt zu demselben Schluss kam, muss der Fall um die neun toten Babys von Brieskow-Finkenheerd neu verhandelt werden. „Der 5. Senat hat entschieden, dass die Strafe neu zugemessen werden muss“, hieß es beim BGH. Denn es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die heute 41-jährige Sabine H. vermindert schuldfähig war, als sie zwischen 1992 und 1998 ihre Neugeborenen tötete und in Blumenkübeln verscharrte. Damit ist offen, ob Sabine H. tatsächlich für 15 Jahre ins Gefängnis muss.

Nun geht die Akte also zurück zum Landgericht. Allerdings wird die dortige Strafkammer nicht den gesamten Fall neu aufrollen müssen, da es nur noch um das Strafmaß geht. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Gericht dafür ein weiteres psychiatrisches Gutachten über Sabine H. einholen wird. Vielleicht müssen auch noch einige Zeugen gehört werden. Mehr als zwei oder drei Verhandlungstage dürfte die Kammer für das neue Urteil kaum benötigen. Völlig offen ist nach Angaben des Landgerichts, ob die Verhandlung noch in diesem Jahr beginnen wird. Da das Urteil nicht rechtskräftig ist, sitzt Sabine H. weiter in Untersuchungshaft.

Der Fall hatte bundesweit Aufsehen erregt, nachdem 2005 in Brieskow-Finkenheerd neun Babyleichen auf dem Grundstück der Eltern gefunden wurden. Da war der erste Fall aus dem Jahr 1988 bereits verjährt. Damals war die Zahnarzthelferin nach den kurz hintereinander erfolgten Geburten ihrer drei ältesten Kinder wieder schwanger geworden. Weil ihr Ehemann kein weiteres Kind mehr wollte, verschwieg sie die Schwangerschaft und gebar das Kind nachts auf der Toilette. Auch die acht nächsten Schwangerschaften soll die Frau, die sich vor den Geburten offenbar jedes Mal betrank, vor Familie und Freunden verheimlicht haben. Laut BGH muss jetzt geprüft werden, ob Sabine H. wegen ihres Alkoholkonsums oder einer psychischen Krankheit vermindert schuldfähig war und die Strafe deshalb verringert werden muss.

Der Verteidiger von Sabine H., Matthias Schöneburg, nahm das BGH-Urteil mit gemischten Gefühlen auf. Einerseits sei die Verteidigung enttäuscht, dass Deutschlands höchste Richter den Vorwurf des achtfachen Totschlags bestätigt haben. Schöneburg hatte in seiner Revision argumentiert, dass man zugunsten der Angeklagten davon ausgehen müsse, dass eines oder mehrere der Kinder bereits tot zur Welt kamen – was der BGH aber zurückwies: „Das Landgericht durfte zugrunde legen, dass die acht Kinder lebend zur Welt kamen.“ Bei den Leichen habe es sich um „voll entwickelte, reife Neugeborene“ gehandelt. Andererseits, sagt Schöneburg, sei er „trotzdem froh“ über die BGH-Entscheidung. Denn jetzt könne seine Mandantin mit einer „erheblich milderen Strafe“ rechnen.

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