Boxen : Operation Schönheit

Ein Schuss ins Auge, ein Messerstich in die Stirn: Die Hofdame von Buddenbrock wird restauriert

Lothar Heinke

Sie liegt auf dem Schminktisch der Restauratoren und starrt an die hohe Decke eines Raumes in einem Nebenflügel des Neuen Palais im Park von Sanssouci. Sie ist jung und sie ist alt. Und schön. Edel dazu. Und leider auch krank. Eine kleine Operation ist daher unumgänglich. Die wird 800 Stunden dauern und 30 000 Euro kosten – mindestens.

Vor genau 270 Jahren hat sie der Preußische Hofporträtist Antoine Pesne gemalt, da war sie eine der Hofdamen bei der Kronprinzessin Elisabeth Christine in Rheinsberg und hieß Elisabeth Dorothea Juliane von Wallmoden. Drei Jahre, nachdem das jugendfrische „Kniestück“ der 23-jährigen Schönheit – also ein Gemälde von Kopf bis Knie – entstanden war, wurde aus ihr die Freifrau von Buddenbrock, mit Thomas Manns Romanfamilie übrigens weder verwandt noch verschwägert. Man nannte das Mädchen mit dem tiefen Dekolleté und dem kecken Blick die „Iris“, Friedrich der Große hatte sie in einer Ode auf seinen Hofmaler erwähnt: „Wenn Du der jungen Iris frische Pracht / Darstellst und ihrer Schönheit seltne Gaben...“.

Letzte Woche war sie unverhofft zum Medienstar geworden, auch wir meldeten die kleine Sensation: Ein lange vermisstes und für immer verloren geglaubtes Bild mit den Maßen 143 x 111 Zentimeter ist plötzlich und unerwartet aufgetaucht. Es gehört zu einer Galerie von Hofdamen der Königin Elisabeth Christine, sieben hängen im Schloss Charlottenburg, die achte war seit Jahrzehnten spurlos verschwunden. Bis zum letzten Montag, als beim Kurator der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Gerd Bartoschek, das Telefon klingelt und ein (ungenannt bleiben wollender) Kunstfreund anfragt, ob man in Sanssouci ein Gemälde mit der Generalkatalogs-Nummer 1142 vermisst. Herrn Bartoschek durchzuckt es, denn er kennt seine verlorenen Schätze auswendig. Die schwarzen Zahlen auf dem Keilrahmen bezeichnen seit den dreißiger Jahren die Inventarnummern, und die GK 1142 ist eben jene verlorene Tochter, die dem berühmten Antoine Pesne vor 270 Jahren Modell gestanden hat. Die Kunsthüter von Sanssouci fahren sofort nach Neuruppin. Hier gibt es einen Antiquitätenladen, dessen Chef, Jürgen Preiss, Nachlässe bei Wohnungsauflösungen en Block ein- und dann verkauft. Das große Porträtgemälde, bei dem eine Signatur des Malers fehlt, gehörte zu den Hinterlassenschaften eines Filmvorführers, der einst mit seinem Apparat übers Land zog, vielleicht hat der Landfilmer es selbst irgendwo zwischen zwei Vorstellungen erworben, jedenfalls, sagt die Witwe, stand es am Ende immer hinter einem Schrank. 2000 Euro zahlte der Händler für den Nachlass, 50 entfielen auf die barocke Schönheit. 850 Euro sollte sie später im Antiquitätenladen kosten, wo sie zwischen allerlei Gründerzeitsachen stand und auf den Märchenprinz wartete, der ja dann auch kam.

Kurator Bartoschek vertieft sich in seine Freifrau, vergleicht das Original mit diversen Abbildungen, es gibt keinen Zweifel: Hier steht Iris, die so lange Gesuchte, Verschollene, bis zu diesem Moment. „Wir führen dieses Bild als seine Eigentümer und möchten es wiederhaben“, sagt der Mann aus Potsdam, die Stimme hat plötzlich einen amtlichen Klang, und der ahnungslose Händler ist sofort zur Zusammenarbeit bereit und bekennt, sich nicht allzu viel aus Kunst zu machen. Dankend und zufrieden nimmt er einen Finderlohn entgegen und sagt seiner Freifrau ade. Ihr Wert liegt zwar „im fünfstelligen Bereich, nicht unter 50 000 Euro“ (sagt der Fachmann), aber der Laie sieht neben dem angegilbten Firnis jene Schäden in der Leinwand, die den Wert der Dame beträchtlich mindern und Fragen stellen: Wie kommt es, dass die Freifrau nur noch mit einem grünen Auge sieht, weil man ins rechte ein Loch geschossen hat? Auch auf die Brust wurde gezielt, auf eine Hand, und die Stirn war gar Ziel eines Messerwurfs oder Bajonettstichs – man wird es nie erfahren. Denn die letzte Lebensphase des Bildes liegt im Halbdunkel zwischen Ahnen und Vermuten, und plötzlich fällt der helle Schein des Tatsächlichen auf diese Frau mit den Sommerblumen in ihrem phantasievoll bestickten Rock.

Am Anfang war alles sonnenklar. Pesne malte dieses Bild für die Hofdamengalerie der Königin Elisabeth Christine. Es hing nachweisbar 1816 in deren Wohnung im Berliner Schloss, zog 1860 in die Braunschweigische Galerie des Schlosses um, wurde 1926 dem Haus Hohenzollern zugesprochen, später verkauft, zurückerworben und hing 1936 im Neuen Palais, bis es im Juli 1942 mit 300 anderen Bildern ins Schloss Rheinsberg ausgelagert wurde. 1946 war nur noch ein Dutzend vorhanden, alle anderen verschwanden als Kriegsopfer von Plünderungen: Beutekunst. „Man soll die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht noch mehr kommt“, sagt Gerd Bartoschek und erinnert an drei plötzlich aufgetauchte Stühle aus Friedrichs Tabakskollegium.

Nun aber wird unsere Freifrau von Sonja Seidel restauriert, für 30 000 Euro, die sie nicht geplant haben, plus Goldrahmen – gibt es Sponsoren für die schöne Iris? fragt der Kurator und hofft auf ein glückliches Ende ihrer Odyssee: 2009 soll sie im Gartensaal von Schloss Niederschönhausen hängen, mit den sieben anderen Damen endlich friedlich vereint.

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