Boxen : Opferstatistik: Wie viele Tote haben Rechtsextremisten auf dem Gewissen?

Frank Jansen

Verwirrung im Potsdam: Sind in Brandenburg seit 1990 insgesamt 19 Ausländer und Deutsche von Rechten umgebracht worden? Das Justizministerium hatte Mitte November auf eine Kleine Anfrage des PDS-Landtagsabgeordneten Stefan Sarrach 19 Tote erwähnt - unter Hinweis auf "die im Sommer 2000 in der Presse veröffentlichten Chroniken". Damit ist die Auflistung von bundesweit 93 Todesopfern rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung gemeint, die Tagesspiegel und "Frankfurter Rundschau" im September veröffentlicht hatten. Nun erweckt die Einleitung zur Antwort auf die Anfrage des PDS-Abgeordneten den Eindruck, das Justizministerium habe die Erkenntnisse der Zeitungen übernommen.

Folglich meldeten die Nachrichtenagentur dpa und mehrere Blätter in Brandenburg seien 19 Menschen von Rechten umgebracht worden. Das Justizministerium geriet gestern in Erklärungsnöte. Sprecher Rolf Helmert teilte schließlich mit, das Ministerium habe in der Antwort lediglich drei Morde mit rechtsextremem Hintergrund angegeben. Wie viele der anderen 16 Opfer von rechten Tätern getötet worden sind, könne man nicht sagen - "auf jeden Fall nicht alle".

Welche Mordfälle gemeint sind, geht aus der Antwort nur andeutungsweise hervor. Doch Helmert präzisierte die Angaben. Gemeint ist erstens der Mord an Timo Kählke. Der 29-Jährige wurde im Dezember 1991 in Meuro (bei Cottbus) von Mitgliedern der Wehrsportgruppe "I. Werwolf-Jagdeinheit Senftenberg" erschossen, weil die Neonazis sein Auto für einen Überfall brauchten.

Zweiter Mord: Skinheads misshandelten im November 1992 in der Nähe von Lehnin den 52 Jahre alten Obdachlosen Rolf Schulze. Er wurde geschlagen, getreten und im Kölpinsee untergetaucht. Hinterher zündeten die Skinheads den Toten an. Vor Gericht bekannten sich die Angeklagten zu den Neonazi-Organisationen "Nationale Offensive" und "Nationalistische Front".

Der dritte Mord wurde im Mai 1997 in Königs Wusterhausen verübt. Eine Clique junger Rechtsextremisten prügelte den Arbeitslosen Augustin Blotzki zu Tode, weil sie ihn wegen seines slawisch klingenden Namens für einen Ausländer hielt.

In diesen drei Fällen haben Brandenburger Gerichte die Taten als Mord bewertet. Da der PDS-Abgeordnete Sarrach in seiner Anfrage den Begriff "rechtsextreme Morde" benutzt, sah sich das Justizministerium nicht veranlasst, die anderen 16 Todesfälle zu bewerten - die Justiz hatte sie als Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge oder andere Delikte bewertet. Aufklärung könnte eine weitere Anfrage schaffen, die möglicherweise Sarrach stellen wird.

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