Boxen : Pächter für "Sanssouci der Pferde" gesucht

CLAUS-DIETER STEYER

NEUSTADT/DOSSE .Die Finanzprobleme des Landes zwingen jetzt auch im größten staatlichen Pferdezuchtbetrieb zu radikalen Veränderungen: Für das Haupt- und Landgestüt im nordwestlich Berlins gelegenen Neustadt/Dosse werden private Investoren und Pächter gesucht.Damit würde die mehr als 200 Jahre dauernde staatliche Hoheit über das reizvolle Gelände enden.Im Angebot befinden sich große Teile des Gestütes mit dem Schloß, Stallgebäuden, der Reithalle, umzäunten Pferdeausläufen, teilweise vermieteten Wohngebäuden und Nebengelassen.Auch bis zu 50 Hektar Grün- und Ackerland können gepachtet werden.

Zur Investorensuche zwingt nach Angaben aus dem Landwirtschaftsministerium nicht nur der jährliche Zuschußbedarf von 2,5 Millionen Mark für den Pferdezuchtbetrieb.Vor allem der hohe Sanierungsbedarf der meisten Gebäude verlange nach neuen Geldquellen.Rund zwölf Millionen Mark seien für das vorwiegend aus dem 18.Jahrhundert stammende und heute unter Denkmalschutz stehende Ensemble erforderlich.Minister Gunter Fritsch will durch neue Interessenten vor allem den Tourismus rund ums Pferd ankurbeln, um damit Arbeitsplätze zu erhalten.So gibt es seit langem Ideen, das Schloß in ein Hotel umzuwandeln.An den Aufgaben des Gestüts zur Pferdezucht solle nicht gerüttelt werden.75 Angestellte zählt das Neustädter Gestüt derzeit.Sie kümmern sich um Aufzucht und die Ausbildung von rund 280 Pferden.

Viele Berliner kennen das Gestüt vor allem durch die traditionellen Hengstparaden im September.Auch nach einer teilweisen Privatisierung soll sich an diesen Veranstaltungen nichts ändern

1788 hatte Friedrich Wilhelm II.den Befehl zur Errichtung des Gestüts gegeben.Alle Armeepferde sollten künftig aus eigener Zucht beschafft werden.Sie erhielten das bis heute gültige Brandzeichen aus Pfeil und Schlange.Mit zahlreichen Neuzüchtungen erwarb sich das Gestüt einen guten Namen in der Fachwelt.Schnell war von einem "Sanssouci für Pferde" die Rede.

Den schärfsten Einschnitt erlebte die Anlage nach Kriegsende 1945.Denn wenige Wochen nach dem Einrücken der Roten Armee wurden alle Pferde und die meisten Ausrüstungen als Reparationszahlung in die Sowjetunion transportiert.In den Ställen standen Lastwagen sowie Schweine und Kühe für die Versorgung Berlins.1946 begann das neue Zeitalter im Gestüt."Mehr tot als lebendig fanden wir in einem Graben den wertvollen Trakehner Hauptbeschäler Hexenschuß", heißt es in einer Chronik.Er wurde liebevoll gepflegt und brachte dem jungen Gestüt noch wertvolle Nachzucht.

In den siebziger Jahren entdeckte die DDR die Pferdezucht als Devisenbeschaffer.Hunderte Tiere wurden in Neustadt ab 1971 verkauft, 80 Prozent davon in die Bundesrepublik.1992 übertrug die Treuhand dem Brandenburger Landwirtschaftsministerium das Gestüt.Seit April 1996 steht Landesstallmeister Jürgen Müller der größten staatlichen Zuchtstätte Deutschlands vor.Hunderte Reit- und Fahrschüler erlernten hier den Umgang mit den Pferden.

Der Erbbauzins für die zur Privatisierung angebotenen Flächen soll maximal bei 6,5 Prozent des Grundstückswertes liegen.Auskünfte beim Landwirtschaftsministerium unter Tel.0331/866 40 68.

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