Boxen : "Panzerfahren für jedermann": Kettenrasseln in Jüterbog

Claus-Dieter Steyer

Mit der Idee vom "Panzerfahren für jedermann" hat ein Militärverein in Jüterbog heftige Proteste ausgelöst. Superintendent Matthias Fichtmüller sprach von einem "Skandal ersten Ranges". Die Pläne überschritten alle ethischen Grenzen. Eine Bürgerinitiative sammelte unter dem Motto "Panzer in Bewegung - Nein Danke" bereits mehr als 1000 Unterschriften gegen das geplante Spektakel.

Der Vorsitzende des Vereins "St. Barbara", Henrik Schulze, verteidigte dagegen die Fahrten in original russischen Panzern vom Typ T 34 und T 54. Diese dienten nicht der Verherrlichung des Krieges, sondern der Abschreckung. Zweimal im Jahr sollen die Motoren angeworfen werden, um auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Jüterbog II Runden drehen zu können.

Jetzt stehen die Panzer am ehemaligen Flugplatz Niedergörsdorf, dem Nachbarort von Jüterbog. "Sie gehören einem Privatmann aus Dresden", sagt Malermeister Helmut Stark, der sich in der Nachbarschaft der Militärausstellung im vergangenen Jahr einen früheren Hangar zu einem Wohn- und Geschäftshaus ausgebaut hat. "Die Pläne für die kommerziellen Panzermanöver schaden dem ursprünglichen Anliegen unseres St. Barbara-Vereins." Er habe die Geschichte der einst zweitgrößten russischen Garnison außerhalb der Sowjetunion darstellen wollen. Dazu gehöre eben auch die Technik. Helmut Stark zeigt Fahrzeuge aus den Beständen der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee. Die Panzer gehörten irgendwie dazu. "Aber Touristen-Gaudi soll hier nicht stattfinden." Die Gemeindevertretung von Niedergörsdorf habe solche Pläne schon abgelehnt. "Deshalb sind einige Vereinsmitglieder mit ihrer Idee wohl nach Jüterbog ausgewichen", meint der Malermeister. "Nun müssten die dortige Abgeordneten ein Machtwort sprechen."

Sowohl der ausgestellte T 34 als auch sein Nachfolger T 54 und ein Jagdpanzer SU 100 sind fahrbereit. Davon zeugt nicht zuletzt das vom Unterboden eines Ungetüms tropfende Öl. "Einige Meter kommen sie damit schon", behauptet Stark. Touristenfahrten würden sicher viel Geld kosten. Auf einem Kilometer verbraucht so ein T 34 zwischen 20 bis 30 Liter Sprit. Selbst bei Einsatz billigen Heizöls würde für die maximal vier möglichen Mitfahrer ein ziemlich hoher Preis zu Buche schlagen.

Die Jüterboger Bürgerinitiative begründet ihre Ablehnung solcher Panzerfahrten nicht zuletzt mit der Gefahr, dass sich dadurch neonazistische Gruppen angezogen fühlen. Inmitten der Fahrzeuge aus sowjetischen und DDR-Beständen steht eine Kampfmaschine in originaler Tarnbemalung aus Wehrmachtszeiten mit einem offensichtlich echtem Kennzeichen. Der private Eigentümer des Monstrums hat ein ursprünglich aus der CSSR stammendes Panzerfahrzeug umspritzen lassen. Das Nachbarland baute bis Anfang der fünfziger Jahre dieses Gefährt der Wehrmacht nach.

Der Sprecher der Bürgerinitiative, Karl Günter Schneider entdeckte in einem Vereinsheft "Barbara-Meldung" einen recht zweifelhaften Zeitzeugen. Fritz Winkelmann wurde dort als so genannter Ehrenlegionär aufgeführt. Er sei, so fand Schneider heraus, ein ehemaliger Ausbilder der SS-Stabwache Berlin, der späteren SS-Leibstandarte "Adolf Hitler" gewesen.

Ein für den kommenden Sonnabend geplantes Gespräch zwischen den Hobby-Historikern und der Bürgerinitiative wurde kurzfristig abgesagt. Es sei zu Terminüberschneidungen gekommen, hieß es vom Verein "St. Barbara". Superintendent Matthias Fichtmüller forderte eine neue Ausrichtung des geplanten Museums. Es müsse auch die Opfer des Krieges darstellen und sich nicht auf Militärtechnik beschränken. Auf dem Gelände der Kirche hatte ausgerechnet am vorjährigen Buß- und Bettag eine "nichtöffentliche Demonstration" der Panzer stattgefunden. Die Vereinsmitglieder, die beim Aufbau ihres Garnisonmuseums von zahlreichen ABM-Kräften unterstützt werden, wollten damit nach eigener Aussage den "mobilen und dynamischen Teil" des Konzepts vorstellen.

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