Boxen : Poker ums Portal

Damit Neuruppin ein Hotel bekommt, muss eine alte Villa abgerissen werden. Doch jetzt muckt der Denkmalschutz auf

Claus-Dieter Steyer

Neuruppin. Ausgerechnet eine Ruine gehörte bei den Osterspaziergängern in Neuruppin zu den bevorzugten Zielen. Kopfschüttelnd oder heftig diskutierend standen die Menschen vor der ehemaligen Direktorenvilla der städtischen Gaswerke. Bagger hatten das aus dem Jahre 1864 stammende und 1925 erweiterte Gebäude seit Anfang vergangener Woche bereits zu zwei Dritteln abgerissen. An seiner Stelle soll für 43 Millionen Euro (17 Millionen kommen vom Land) ein großes Vier-Sterne-Hotel entstehen.

Doch nun will das Kulturministerium das Haus unter Denkmalschutz stellen. Landeskonservator Detlef Karg besteht auf dem sofortige Abbruch der Abrissarbeiten. Am heutigen Dienstag trifft sich Landrat Christian Gilde (SPD) mit Vertretern der Investoren zu einem Gespräch über die Forderung des Ministeriums. Viel zu retten gibt es nicht, wovon sich die Spaziergänger überzeugen konnten. Der Konflikt, der die Neuruppiner beschäftigt, ist ziemlich einmalig in Brandenburg. Viele Schlösser, Herrenhäuser und schöne Villen sind in den vergangenen Jahren mit viel Aufwand restauriert und zu Hotels, Wohnungen oder Firmensitzen umgebaut worden. Nur wenige historische Gebäude mussten dafür abgerissen werden.

Doch in Neuruppin drohte kein Einsturz. Der Hotelbauer wollte die Direktorenvilla anfangs sogar in sein Projekt integrieren, zumindest das prachtvolle Portal. Reliefs und Figuren aus Terrakotta zeigen den Nutzen von Gas und Strom im alltäglichen Leben. Fachleute zählen die Arbeiten zu den wichtigsten bauplastischen Werken des Bildhauers Hans Lehmann-Borges. Seit einigen Jahren steht das Haus am Ende der Seestraße und in Sichtweite der silbernen Parsival-Figur leer.

Landrat Gilde kann die Aufregung der Denkmalpfleger nicht verstehen. Das Hotel-Projekt und der Abriss der Villa seien seit langem bekannt, sagt er. „Das Vorhaben ist nicht nur für die weitere touristische Entwicklung Neuruppins bestimmend, sondern für den ganzen Landkreis.“ Verzögerungen im Bau könnten nicht zugelassen werden, da sonst der Anspruch auf die Fördermittel verloren ginge. Tatsächlich unterstützt die Landesregierung schon seit drei Jahren nicht mehr den Bau von neuen Hotels, da die Übernachtungskapazitäten ausreichen. Die Auslastung der Betten liegt im Landesdurchschnitt bei lediglich 34 Prozent. Für einen wirtschaftlichen Betrieb sind aber mindestens 50 Prozent nötig. In Neuruppin aber fehlen Hotels, die Stadt Fontanes und Schinkels gilt als aufstrebendes Touristenziel. Deshalb zeigte sich das Wirtschaftsministerium großzügig. Die Stadtverordneten des 24000-Einwohner-Orts setzen auf diese Karte: Am vergangenen Montag stimmten mehrheitlich dem Abriss der Villa zu. Wie vom Anwalt der Investoren verlautete, bleibt das Eingangsportal von den Baggern verschont. Es werde eingelagert, bis die Stadt einen Platz dafür gefunden habe.

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