Boxen : Polizei setzt auf Abschreckung: "Todesvideo" soll Rasern eine Lehre sein

ALEXANDER PAJEVIC

POTSDAM .Der Motor dröhnt, der Adrenalinpegel steigt."Drei Liter, 220 PS", kommentiert einer der 34 und 35 Jahre alten Brüder die Leistung des Autos, mit dem sie im Juni des vergangenen Jahres auf Brandenburger Straßen unterwegs waren - und dabei ihre tollkühne Raserei stolz per Videokamera festhielten.Da wird gedrängelt, abgebremst, beschleunigt was der Motor nur hergibt, ein Kameraschwenk auf den Tacho faßt den Irrsinn in Zahlen: Fast 230 Kilometer pro Stunde auf engen Alleen.Dazu sind die Kommentare der beiden zu hören: "Der hat verloren", heißt es zu einem Wagen im Rückspiegel, dessen Fahrer bei der Raserei mitgemacht hat; "Jetzt hat der uns runtergebremst, das darf doch nicht wahr sein", heißt es, als ein anderer Fahrer sich nicht darauf einläßt.Dann reißt das Video ab.Der Wagen kam von der Straße ab, prallte gegen einen Baum, die Brüder starben.

"Das Video ist sehr schockierend", findet nicht nur Ralf Dittrich, Sprecher des Brandenburger Verkehrsministeriums.Bald sollen die Bilder der Todesfahrt dazu genutzt werden, junge Menschen vom Rasen abzuhalten.In der Medienwerkstatt der Brandenburgischen Landespolizeischule werden die Aufnahmen derzeit zu einem Film verarbeitet, der gegen Ende des Jahres im Rahmen der Präventionsarbeit der Polizei auch in Diskotheken gezeigt werden soll.Und Präventionsarbeit tut weiterhin Not.Denn hatte man sich in der vergangenen Woche über das erste Wochenende ohne Unfalltote auf Brandenburgs Straßen gefreut, so mußte man am Montag mit einer Schreckensbilanz aufwarten: 17 Verkehrstote von Freitag bis Sonntag war eine nie dagewesene Zahl."Dieses Wochenende schlägt jetzt natürlich wahnsinnig in den Karton", sagt Dittrich.Die Unfallrate in Brandenburg war im ersten Halbjahr dieses Jahres im Vergleich zu 1997 deutlich gesunken und der rückläufige Trend schien anzuhalten: Die vorläufige Statistik bis Ende Juli dieses Jahres wies 295 tödlich Verunglückte aus; 355 waren es im Vergleichszeitraum 1997.

Als Ursachen für den Rückgang nennt das Verkehrsministerium verschärfte Kontrollen der Polizei, die Einführung der 0,5-Promille-Grenze und auch die schrittweise eingeführte Tempo-80-Regelung auf Alleen.Denn diese häufig vor mehr als hundert Jahren angelegten Straßen bezeugen die besonders schwierigen Straßenverhältnisse im Land: Baumbewachsene, schmale Straßen mit engen Kurven überfordern viele Fahrer - die Todesopfer des vergangenen Wochenendes starben alle bei Baumunfällen.

"Unser Problem ist: Wie kommen wir an die Leute ran?", sagt Bernd Ammon, Referatsleiter im Verkehrsministerium."Wir müssen ja in den Kopf der Leute." Sicherere Straßen seien dabei eben nur eine Sache.Alleen abzuholzen, sagt er, sei für das Ministerium daher auch kein Thema.Im November will Brandenburg ein neues Programm zur Verkehrssicherheit starten.Dabei soll "zielgruppengerecht" vorgegangen werden, sagt Dittrich.Schon in Kitas und Schulen soll durch Verkehrspädagogen "eine Saat" für verantwortungsbewußtes Verhalten im Verkehr gelegt, die Problemgruppe der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren, die die meisten Unfälle verursachen, sollen in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden.Beispielsweise mit dem "Schutzengel-Mailing", das junge Frauen anschreiben wird, ihre Freunde zu rücksichtsvollem Fahren zu bewegen.

Im Verkehrsministerium erarbeitet man derzeit auch eine Kabinettsvorlage für den Bundesrat, die eine Änderung des Führerscheinrechts zum Ziel hat.So soll die erste Ausbildungsphase in den Fahrschulen durch zusätzliche Pflichtstunden erweitert werden.Nach einer ersten Probezeit von zwei Jahren soll es eine zweite Phase geben, in der ein Erfahrungsaustausch unter der Leitung von Fahrlehrern vorgesehen ist und der sich eine weitere Fahrprüfung anschließt.Jugendliche, die sich nicht an dieser zweiten Phase beteiligen, wird eine verlängerte Probezeit von vier Jahren auferlegt.Die erweiterte Ausbildung soll nach Brandenburger Vorstellungen mit einer 0,0 Promillegrenze einhergehen.In jedem Fall sei die Verkehrssicherheit in Brandenburg Chefsache, heißt es aus dem Ministerium.

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