• Polnisch ab der ersten Klasse: Kinderzungen zischen besser In zwei Brandenburger Grundschulen steht die Sprache auf dem Stundenplan

Boxen : Polnisch ab der ersten Klasse: Kinderzungen zischen besser In zwei Brandenburger Grundschulen steht die Sprache auf dem Stundenplan

Frankfurter Stadtverordnete wollen den Unterricht zur Regel machen

Olaf S,ermeyer

Angermünde/Frankfurt (Oder) - Donald Tusk ist ein Freund der Deutschen, deren Sprache der polnische liberal-konservative Präsidentschaftskandidat (PO) selbst ausreichend versteht, um zu wissen, worauf es ankommt im Verhältnis zu den Nachbarn westlich der Oder. Auf Arbeitsplätze kommt es an. „Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis Deutsche sich einen Arbeitsplatz in Polen suchen werden – dafür muss unser Markt dann offen sein“, sagte Tusk kürzlich. Und daher hält der Politiker, der gute Aussichten hat, die Stichwahl in einer Woche zu gewinnen, es für sehr nützlich, wenn junge Deutsche aus der Grenzregion schon jetzt Polnisch lernen.

So wie die Kinder an der Freien Schule Angermünde in der Uckermark. Die wissen zum Beispiel schon, dass „Wiosna“ Frühling heißt. Denn „Wiosna“ ist der Titel des polnischen Frühlingsliedes, das sie mit ihrem Lehrer Mariusz Lagodzinski singen. Er unterrichtet hier Musik, Englisch – und Polnisch. Die Freie Schule Angermünde ist eine von nur zwei Grundschulen in Brandenburg, wo Polnisch im regulären Unterricht gelernt werden kann (siehe Kasten). Im ersten Schuljahr geht es schon los, mit vier Stunden Polnisch in der Woche.

Geht es nach Klara Geywitz, wäre es nicht die Ausnahme, sondern einfach normal, dass Kinder in der Grenzregion die Sprache des Nachbarn lernen. Sie ist Vorsitzende des Arbeitskreises Bildung der SPD-Fraktion im Landtag. Sie kann sich sogar eine gesetzliche Regelung vorstellen. Damit schließt sie sich den Stadtverordneten Romy Schneider (SPD), Roland Thom (FDP) und Thomas Feske (PDS) aus Frankfurt (Oder) an, die wollen, dass sich ihr Stadtparlament zu einem durchgängigen Polnisch-Unterricht ab der ersten Klasse bekennt. Auch Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) findet es gut, Polnisch zu unterrichten – will das Fach aber „auf keinen Fall“ zur Pflicht machen: „Das funktioniert nur freiwillig“, sagt er. Vor vier Jahren gab es bereits einen solchen Vorstoß. Doch „das scheiterte am Widerstand der Eltern“, erinnert sich Dieter Wachner. Der frühere Schulrat in Frankfurt (Oder) leitet heute für das Bürgerbündnis den Bildungsausschuss der Stadtverordnetenversammlung. „Viele Eltern sagen, dass sie nicht wissen, ob sie überhaupt in der Grenzregion bleiben werden, oder ob ihre Kinder hier bleiben. Sie sehen den Sprachnutzen nur für den kleinen Grenzverkehr.“

Bei einem Blick ans andere Ende der Republik zeigt sich ein anderes Bild: 876 Kilometer südwestlich von Frankfurt heißt in Freiburg der Nachbar Frankreich. „Für unsere Kinder ist es ganz normal, dass sie zuerst Französisch lernen“, sagt dort ein Vater, dessen Tochter eine von 470 Grundschulen im Grenzgebiet besucht, wo Französisch seit dem Schuljahr 2003/04 Pflichtfach ab der ersten Klasse ist – im übrigen Baden-Württemberg ist es Englisch. Damit war das Bundesland das erste, das sich für diesen frühen Fremdsprachenunterricht entschieden hat. Die frühere Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) – die vermutlich bald dasselbe Ressort auf Bundesebene übernehmen wird –, sieht in dem Modell einen „pädagogischen Meilenstein“. Eine Studie der Universität Tübingen zeigte, dass Erstklässler eine Fremdsprache teilweise noch wie eine Muttersprache lernen.

„Für die Kinder ist es viel einfacher, die schwierigen polnischen Zischlaute auszusprechen“, sagt Lehrer Lagodzinski in Angermünde, der auch Erwachsenen die sieben Fälle der polnischen Sprache beibringt. „Aber in der Schule geht es nicht um Grammatik, wir machen alles nur spielerisch, singen viel, zählen und sprechen gemeinsam.“ Und nach der Grundschule können die Kinder ihre Polnisch-Kenntnisse gleich im Angermünder Einstein- Gymnasium vertiefen, wo Polnisch ebenfalls auf dem Stundenplan steht.

Und nach der Schule? Da sieht auch Bildungsminister Rupprecht in Polnisch- Kenntnissen einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt, „schon wegen der vielen polnischen Kunden in den Geschäften der Grenzregion“. An die Chancen auf dem polnischen Arbeitsmarkt denkt Rupprecht, anders als Präsidentschaftskandidat Tusk, noch nicht. Die Kinder der Freien Schule Angermünde aber werden sie vielleicht wahrnehmen können.

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