Boxen : Potsdam poliert seine Perlen

Nach dem Fortuna-Portal werden nun auch andere einst königliche Bauwerke rekonstruiert und neue Projekte angepackt – eine Übersicht

$AUTHOR

Stadtkanal: Seit 1999 wird der historische Stadtkanal aus dem 18. Jahrhundert wieder freigelegt. Zehn Jahre sind für das ehrgeizige Projekt veranschlagt. Zur Bundesgartenschau 2001 wurde an der Yorckstraße ein 120 Meter langer Abschnitt der in den sechziger Jahren mit Trümmerschutt gefüllten Gracht freigelegt. Jetzt folgen weitere 170 Meter. Die Gesamtkosten der Freilegung werden mit 2,5 Millionen Euro angegeben, von denen ein Förderverein einen Teil aufbringt. Um den Kanal nach holländischem Vorbild wieder fluten zu können, müssten einige Straßen, die jetzt über Kanalgelände führen, ihre Brücken zurückbekommen.

Militärwaisenhaus: Eines der markantesten Barockbauten, die halbwegs den Bombenangriff vom 14. April 1945 überstanden haben, ist das ehemalige Militärwaisenhaus an der Lindenstraße, das Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. gestiftet hatte. Seit Jahrzehnten fehlt der mit einer vergoldeten Caritas-Figur bekrönte Kuppelturm. Diesen Schmuck will die Stiftung „Großes Waisenhaus zu Potsdam“ wieder herstellen. Die Gesamtkosten der Generalsanierung und Restaurierung des Bauwerks, das in der DDR das Institut für Lehrerbildung beheimatete, belaufen sich auf rund 15 Millionen Euro. Davon werden 2,4 Millionen Euro für den Turm veranschlagt. Wenn die letzten 128 000 Euro durch Spenden aufgebracht sind, kann ab Januar mit dem Turmbau begonnen werden.

Kaiserbahnhof: Wilhelm II. war ein reiselustiger Mann, der sich Salonzüge leistete. Letztere hielten im Kaiserbahnhof im Wildpark. Hier unterhielt der Monarch seine Sommerresidenz, das Neue Palais im Park Sanssouci. Bis 1952 war der 1909 errichtete und wie ein Schloss gestaltete Bahnhof in Betrieb, dann begann der Verfall. 1977 wurde das Baudenkmal gesperrt. Inzwischen gehört die Ruine der Deutschen Bahn AG, die dort eine Managerakademie errichten will. Laut Bahnchef Hartmut Mehdorn steht das Konzept. Noch in diesem Jahren sollen die Vorbereitungen für eine originalgetreue Sanierung der Außenansicht beginnen. Kostenpunkt: 25 bis 30 Millionen Euro.

VW-Design-Center: Fast zeitgleich mit dem Bau eines neuen Hans-Otto-Theaters soll in unmittelbarer Nähe ein zweites Bauprojekt starten. Im April 2003 soll der Grundstein gelegt werden, 2004 soll die Eröffnung sein: VW baut in der Schiffbauergasse ein Design-Centrum. Auf einem 6700 Quadratmeter großen Grundstück in unmittelbarer Nähe zum US-Software-Riesen Oracle sind eine Werkstatt zur Modellherstellung und Büros für 40 Designer geplant. Zehn Millionen Euro will der Konzern dafür ausgeben. VW-Chef Peter Hartz schwärmt vom Charme der Stadt Potsdam.

Garnisonkirche: Im Bombenhagel vom 14. April 1945 verlor die 1731 bis 1735 erbaute Garnisonkirche ihre Turmspitze und das Glockenspiel. Die Ruine blieb aber stehen. In der Nachkriegszeit gab es Pläne für den Wiederaufbau des barocken Gotteshauses, in dem die Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. bestattet waren. 1968 wurde die Ruine auf Befehl des SED-Chefs Ulbricht gesprengt und abgetragen. Damit wollte man den „Geist von Potsdam“ austreiben und Flächen für Neubauten gewinnen. Doch die Erinnerung an das preußische Potsdam ließ sich nicht tilgen. Der Traditionsverein „Potsdamer Glockenspiel“ trommelt für den Wiederaufbau des Turms und hat schon einige Millionen Euro gesammelt. Fraglich ist, ob das Coventry-Friedenskreuz oder der historische Preußen-Adler den aufgebauten Turm der Garnisonkirche krönen soll.

Telegrafenberg: Die Pietschker-Neese-Stiftung hat sich des Telegrafenbergs mit dem Astrophysikalischen Observatorium, des Einsteinturms und weiterer unter Denkmalschutz stehenden Bauten angenommen. Einige der in Schinkel-Tradition errichteten Klinkerbauten strahlen bereits in altem Glanz. Doch sind Land und Stadt Potsdam überfordert, die Millionen aufzuwenden, die Sanierung und Restaurierung dieses deutschlandweit einmaligen Ensembles erfordern. Die Stiftung finanziert in den kommenden Jahren denkmalpflegerische Maßnahmen. Ziel ist, den aus dem Telegrafenberg hervor- gegangenen Wissenschaftspark Albert Einstein mit seiner Kaiserzeit-Architektur und den kostbaren Geräten zur Himmelsbeobachtung für Publikum zu öffnen.

Hans-Otto-Theater: Der Spatenstich wurde schon gesetzt, die ursprünglich für Dezember geplante Grundsteinlegung soll im März 2003 folgen: Potsdam baut dem Hans-Otto-Theater, das bisher in der so genannten Blechbüchse am Alten Markt kampiert, ein neues Haus. 26 Milllionen Euro soll es kosten. Das neue Theater soll in den großen Kulturstandort Schiffbauergasse integriert werden, der mit einem Aufwand von 95 Millionen Euro entwickelt werden soll. Derzeit ist indes unklar, wer das Projekt umsetzen soll.

Neues Palais: Nur langsam macht die Restaurierung der figurenbestückten Kolonnade gegenüber dem Ehrenhof des Neuen Palais Fortschritte. Das Gebäude im Park Sanssouci ist das größte Sorgenkind der Preußischen Schlösserstiftung. Der „gemeine Hausschwamm“ verursachte immense Schäden in Decken und Fußböden, der Sanierungsbedarf beläuft sich laut Stiftung auf 99,7 Millionen Euro. Dem steht ein jährlicher Etat für die über 300 Bauten der Stiftung von 8,5 Millionen Euro gegenüber. Friedrich der Große ließ den spätbarocken Riesenbau nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) für fürstliche Gäste errichten. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. nutzte das Neue Palais als Sommerresidenz und nahm Umbauten vor.

Belvedere auf dem Klausberg: Das für 7,2 Millionen Euro aufgebaute und restaurierte Belvedere auf dem Klausberg zeigt sich nun wieder in hellem Ocker. 1945 war der Kuppelturm aus der Spätzeit Friedrichs des Großen durch Artilleriebeschuss zerstört worden. Seit 1990 wurde die Ruine von der Messerschmitt Stiftung (München) restauriert. Sie gab den in altem Glanz wiedererstandenen Bau vor wenigen Wochen an die Schlösserstiftung zurück. Der Aussichts- und Teepavillon hat den oberen Saal mit einer Wandverkleidung aus grünem Stuckmarmor, vergoldeten Rocaillen und einer mit bunten Vögeln bemalten Kuppeldecke zurückbekommen. Fehlt noch die Restaurierung des unteren Saals.

Belvedere auf dem Pfingstberg: Gleicher Name, anderer Ort: Noch bis 2004 wird am Belvedere auf dem Pfingstberg gewerkelt. Sponsoren wie die Hermann-Reemstma-Kulturstiftung, der Versandhausinhaber Werner Otto, Banken und Einzelpersonen unterstützen die etwa 11,5 Millionen Euro teure Restaurierung. Das Lustschloss in der Art italienischer Villen mit Aussichtsplattform steht auf einem Höhenzug, mit dem Friedrich Wilhelm IV. die Schlösser und Gärten seiner Vorfahren verbinden wollte. In den letzten DDR-Jahren holte eine Bürgerinitiative, in der auch der heutige Ministerpräsident Matthias Platzeck tätig war, den Pfingstberg aus dem Dornröschenschlaf. 1990 wurde der Förderverein Pfingstberg gegründet, der Spenden einwirbt. Helmut Caspar

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben