Potsdamer Affären : Drittliga-Club versinkt im Affären-Sumpf

In der Potsdamer Filz-Affäre überschlagen sich die Ereignisse: Es geht nicht mehr nur um Stasi-Spitzel in Behörden, sondern auch um gestohlene Laptops, brisante Daten und die Zukunft des Fußballclubs SV Babelsberg 03.

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Das Sportliche tritt beim SV Babelsberg zunehmend in den Hintergrund.
Das Sportliche tritt beim SV Babelsberg zunehmend in den Hintergrund.Foto: Manfred Thomas

Die Opposition im brandenburgischen Landtag wittert ein personelles Netzwerk, das sowohl beim Dumping-Verkauf der Krampnitz-Kasernen im Norden der Stadt als auch in der Stadtwerke-Affäre aktiv war, die den einflussreichen Peter Paffhausen den Posten als Unternehmenschef gekostet hat. Denn es gibt eine auffällige Überschneidung, ja Gemeinsamkeit: Alle Protagonisten dieser Affäre haben oder hatten mit dem Fußball-Drittligisten Babelsberg 03 zu tun.

Es begann mit Ex-Innenminister Rainer Speer (SPD), der im September 2010 über eine Unterhaltsaffäre um ein uneheliches Kind gestolpert war. Die "Bild"-Zeitung hatte den Sturz ins Rollen gebracht, als sie aus E-Mails von Speers gestohlenem Laptop berichtete. Speer ist Präsident des Klubs. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist auch dem Potsdamer Unternehmensberater Thilo Steinbach, einem engen Vertrauten Speers und Marketingchef beim SVB 03, im März der Laptop gestohlen worden. Von Ermittlern hieß es, Steinbach habe erklärt, jemand sei in seine Villa am Potsdamer Jungfernsee eingestiegen, habe den Rechner mitgenommen, andere Wertgegenstände aber nicht beachtet. Auf dem Laptop seien aber keine wichtigen Daten und Informationen. Allerdings hat wie im Fall Speer die Staatsanwaltschaft Potsdam den  Fall an sich gezogen.

Auch SVB-Geschäftsführer Ralf Hechel kam der Laptop abhanden. Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass Hechel in der DDR einst Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit war, löste das bei Fans Proteste aus, ein Sponsorentreffen musste abgesagt werden. Ob sich auf Hechels Computer brisante Daten befanden, ist ungewiss.

Fest steht aber, dass auch die aus dem Konjunkturpaket von Bund und Land finanzierte, acht Millionen Euro teure Sanierung des Karl-Liebknecht-Stadions ins Zwielicht gerät. Der Landesrechnungshof hat nach Informationen des Tagesspiegels nun einen Verstoß gegen das Vergaberecht festgestellt. Und das ausgerechnet beim 183.000-Euro-Auftrages für die Gesamtprojektsteuerung des Vorhabens, das ohne Ausschreibung an die EWP Potsdam – bisheriger Chef war Peter Paffhausen – vergeben wurde. Paffhausen war bislang auch Aufsichtsratschef des Vereins Babelsberg 03, der  von der EWP jährlich mit 370.000 Euro gesponsert wurde.

Mit dem Geschehen rund um den Fußballklub wegen all dieser Verquickungen will sich auch der Untersuchungsausschuss des Landtags zur Immobilienaffäre um die Krampnitz-Kasernen befassen. Auch Steinbach soll als Zeuge geladen werden. Grünen-Fraktionschef Axel Vogel sagte, der erzwungene Rücktritt des Stadtwerke-Chefs Peter Paffhausen werfe ein Schlaglicht auf ein „ungutes Geflecht zwischen Kommunal- und Landespolitikern, vornehmlich von SPD und Linken, kommunalen Unternehmen und Sportvereinen“. Vogel sagte, "dem Anschein nach konnte sich in Potsdam ein Freundeskreis aus wenigen einflussreichen Persönlichkeiten etablieren, der sich der Kontrolle der Volksvertretung völlig entzieht."

Zu diesem Freundeskreis gehörten Speer, Steinbach und Paffhausen. Letzterer hat am Montagabend seinen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender niedergelegt. Und Speer informierte am Dienstag, dass wegen ausgebliebener Sponsorenzusagen die Insolvenz und der Zwangsabstieg aus der 3. Liga droht.  Dem Klub gehen die Sponsoren abhanden, Geldgeber halten sich zurück – erst durch den Untersuchungsausschuss des Landtags, nun verstärkt durch die Spionagevorwürfe gegen Paffhausen bei den Stadtwerken und dessen Rückzug aus dem Unternehmen.

Auch Frank Marczinek, ebenfalls ein enger Vertrauter von Speer und Mitglied der CDU, hat sich bereits vor einiger Zeit zurückgezogen – offenbar um den Klub zu schützen. Er war im Vorstand für den Bau verantwortlich, gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Potsdam aber wegen des Verdachts auf schwere Untreue zum Schaden des Landes Brandenburg.

Er hatte als Geschäftsführer der unter Speer privatisierten Brandenburgische Boden Gesellschaft (BBG) den Dumping-Verkauf der Krampnitz-Kasernen an ein dubioses Firmengeflecht eingefädelt. Steinbach hatte am Entwicklungskonzept für das 112 Hektar große Gelände mitgewirkt. Später, als der Skandal aufzufliegen drohte, versuchte er gemeinsam mit Marczinek, das Millionen-Projekt noch zu retten. Der Kauf eines Grundstücks am Rande der Kaserne scheiterte aber.

Auffällig ist zudem: Marczinek war nach der Wende Staatssekretär unter Verteidigungsminister Rainer Eppelmann. Als NVA-Offizier soll er in der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit dem Decknamen "Frank Wulff" Soldaten bespitzelt haben, wie aus seinen Stasi-Akten hervorgeht. Heute ist Marczinek CDU-Mitglied, ebenso Steinbach, der nach der Wende als außenpolitischer Berater von DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) die Wiedervereinigung mit ausgehandelt hat. Doch nun droht ihm Ungemach von seiner Partei. Brandenburgs CDU will Steinbach ausschließen. Das will CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski dem Landes-Vorstand vorschlagen. Grund sind Stasi-Vorwürfe gegen Steinbach. Dombrowski sagt, es lägen "ausreichend Erkenntnisse vor", dass Steinbach gegen die Parteisatzung verstoßen habe, „indem er andere Bürger an das MfS denunzierte.“ Steinbach hatte dies stets bestritten. Seine Darstellung bestätigte auch Richard Schröder, Gründungsmitglied des Beirats des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes und bis Januar 2009 Verfassungsrichter in Brandenburg. Er betonte: "Dies ist keine typische IM-Akte." Der Inhalt der Akte deute vielmehr auf einen gescheiterten Anwerbeversuch der Stasi hin.

Nur eins wagt in diesen Potsdamer Tagen, in denen sich alles überschlägt, niemand zu prophezeien; nämlich, wen die Affäre noch alles mitreißen wird. Und wann die nächsten Interna aus gestohlenen oder verschwundenen Laptops kursieren. Ein Polit-Thriller mit allen Zutaten.

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