Boxen : Potsdams Gracht - eine holländische Note wird neu entdeckt

Helmut Caspar

Stück für Stück erhält Potsdam seinen alten Stadtkanal zurück. Wurde zur Bundesgartenschau an der Yorckstraße ein 120 Meter langer Abschnitt freigelegt, folgt im Anschluss ein zweiter, 170 Meter langer Teil. 2,8 Millionen Mark stehen bereit, um die Gracht zu restaurieren, die in den sechziger Jahren im Zuge der "sozialistischen Umgestaltung" der damaligen Bezirksstadt mit Trümmerschutt gefüllt worden war. Davon steuert der Förderverein für die Wiederherstellung des Stadtkanals 900 000 Mark aus Spendengeldern bei. Im kommenden Jahr soll von den Planitzinseln an der Havel bis zur Breiten Straße ein weiteres, 300 Meter langes Kanalstück ausgegraben werden.

Stadtverwaltung und Förderverein wollen mit der Freilegung die Innenstadt aufwerten, in der verschiedene Bauten aus der Barockzeit gerade eine Verjüngungskur durchmachen. Für "geradezu umwerfend" erklärt der Vereinsvorsitzende Siegfried Benn die Wirkung der bereits ausgegrabenen Abschnitte mit ihren figurgeschmückten Brücken. Den ganzen Kanal auszugraben, den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn, der Alte Fritz, angelegt hatten, ist derzeit aus finanziellen Gründen nicht möglich. Gerechnet wird alles in allem mit über 55 Millionen Mark, wobei noch zu bauende Brücken nicht einbezogen sind.

Um den Kanal wieder zu einem fließenden Gewässer und gar schiffbar zu machen, sind Benn zufolge tiefer gehende Grabungen nötig. Die Freilegung sei mit vielen technischen Problemen verbunden. So müsse beachtet werden, dass zahlreiche Versorgungsleitungen in den Kanal gelegt wurden, bevor er mit Erdreich bedeckt wurde. Für diese Leitungen müssten bei einer kompletten Freilegung neue Trassen angelegt werden. Dazu gebe es sogar schon ein Konzept.

Schon jetzt spiegeln sich im Abschnitt an der Yorckstraße die Barockbauten wie in königlicher Zeit, denn in dem mit Kopfsteinpflaster belegten Kanalbett hat sich bereits Grundwasser angesammelt. In der Yorckstraße wurden die Mauerabdeckungen sowie die Stufen und Einfassungen aus hellem Sandstein erneuert. Sie kontrastieren zu den roten Ziegelwänden, die zum großen Teil noch original erhalten sind. Beträchtliche Flächen aus der Barockzeit hatten die Zuschüttung überstanden und mussten nur neu aufgemauert werden. Gusseiserne Säulen und Geländer, die von Potsdamer Einwohnern und Firmen finanziert wurden, zeigen, wie die Gracht künstlerisch einst gefasst und geschützt war. Für einhundert neue Geländerpfosten gingen bereits Spenden ein, 2001 Mark pro Stück.

Der 1,5 Kilometer lange Kanal war vor über 250 Jahren nach holländischem Vorbild nicht nur zur Verschönerung der Residenz angelegt worden. Die praktisch veranlagten Hohenzollern hatten in erster Linie aber anderes im Sinn: So half der Kanal die auf sehr feuchtem Grund gebaute Stadt zu entwässern. Er regulierte den Grundwasserstand und bewährte sich auch als bequemer und billiger Verkehrsweg. Ältere Potsdamer erinnern sich noch an die Fischerkähne, die im Kanal ankerten, allerdings auch an die üblen Gerüche, die die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gewartete Gracht ausströmte. Die letzten Wartungsarbeiten fanden in den fünfziger Jahren statt.

Bereits 1991 hatte ein Gutachten festgestellt, die geschichtliche Bedeutung der Gracht liege vor allem im städtebaulichen Dokumentationswert einer unter holländischem Einfluß entstandenen planmäßigen Stadtanlage. "Das Bauwerk ist in seiner Geschlossenheit einmalig im ostdeutschen Raum und Bestandteil des zu bewahrenden Stadtgrundrisses". Der Kanal lege Zeugnis vom hohen technischen Niveau der Städteplaner des 18. Jahrhunderts und ihrem souveränen Umgang mit Baugrund- und Grundwasserproblemen. Ein Stück davon kann man jetzt wieder erleben.

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