Boxen : Provinzposse: Straßenkampf am Stadtrand

Claus-Dieter Steyer

Die Folgen eines einzigen Verkehrsschildes an einer kleinen Dorfstraße klingen unglaublich. Da hagelt es Beschimpfungen über den Gartenzaun, fliegt ein Farbbeutel gegen ein im hinteren Teil eines Grundstückes abgestelltes Auto und wird das Telefon als Sprachrohr für schlimmste Beleidigungen genutzt. In der Sitzung der Gemeindevertreter fallen eindeutige Worte: "Wessi, geh doch zurück, woher du kommst" oder schlichtweg "Penner". Am Ende geraten zwei Behörden aneinander, von denen eine nun sogar vor Gericht ziehen will. Und das alles wegen eines Verkehrsschildes.

Schauplatz dieser inzwischen ganz und gar nicht mehr amüsanten Provinzposse am südwestlichen Stadtrand von Berlin ist der beschauliche Vorort Groß Glienicke. Erst vor einigen Wochen geriet die Gemeinde in die Schlagzeilen, weil einige Abgeordnete angeblich den Anschluss an die Großstadt verlangt hatten. Die Angelegenheit löste sich damals allerdings ziemlich schnell in Luft auf. Das wäre ohnehin ein spektakulärer Präzedenzfall im Land gewesen. Am Ende entpuppte sich der vermeintliche Beschluss als Gedankenspiel einiger von der Brandenburger Gebietsreform enttäuschter Kommunalpolitiker.

Diesmal geht es tatsächlich um einen handfesten Streit, bei dem die in manchen Umlandgemeinden noch immer bestehenden Feindbilder hervorgekramt werden. Anlass ist der Verkehr auf der vielleicht vierhundert Meter langen Richard-Wagner-Straße. Sie ist gepflastert, nur teilweise mit einem Gehweg an beiden Seiten ausgestattet und nur 3,75 Meter breit. Dennoch befinden sich hier zwei Haltestellen, die täglich von vierundzwanzig Bussen angesteuert werden. Oft begegnen sie sich hier sogar oder müssen dem Gegenverkehr ausweichen. Da auf der Straße der Platz nicht ausreicht, werden die Fußwege kurzerhand zur Fahrbahn gemacht.

Die Schilderungen eines Lesers über die "chaotischen und lebensgefährlichen Verhältnisse" auf dieser Straße wirkten am Telefon zunächst übertrieben. Doch eine persönliche Erkundung bestätigte auf ziemlich drastische Weise das Szenario. Beim Fotografieren eines von einer Haltestelle abfahrenden Busses musste dieser einem entgegenkommenden Pkw ausweichen. Wie selbstverständlich gerieten die großen Räder vom Pflaster, so dass nur noch ein schneller Schritt zur Seite half.

Nicht auszudenken, wenn der Pkw ein Laster oder ein Traktor gewesen wäre. Genau diese alltäglichen Gefährdungen für Fußgänger, besonders für Kinder, veranlassten einige Anwohner zur Selbsthilfe. Sie schrieben Briefe an die Gemeindevertretung und sprachen in mehreren Ausschüssen vor. Die Straße sollte beruhigt werden - durch eine Einbahnregelung oder eine Beschränkung auf Anlieger. Das erhoffte Echo blieb aus.

Die Zugezogenen sollten sich nicht so aufspielen, wurde entgegnet. In Groß Glienicke seien die Straßen eben so, die Einheimischen seien bisher gut damit zurechtgekommen, lauteten die Argumente.

Also wandten sich die im "Forum für eine nachhaltige Ortsentwicklung" zusammengeschlossenen Bewohner - die meisten aus dem Westen zugezogen - an das zuständige Straßenverkehrsamt des Landkreises Potsdam-Mittelmark. Zusammen mit der Polizei, der Feuerwehr und der Busgesellschaft wurde angesichts "lebensbedohlicher Zustände", wie es in der Begründung hieß, das Einbahnstraßenschild an der Richard-Wagner-Straße montiert.

Die Stimmung gegen die Initiatoren eskalierte in den beschriebenen Ausmaßen. Die Gemeindevertreter beschlossen die Rücknahme der Verkehrsregelung. Es könne nicht eine einzige Straße bevorzugt werden, zumal auch auf anderen unbefestigten Trassen Fußgänger unterwegs seien.

Der zuständige Amtsdirektor kassierte das Schild ein und löste damit einen Protest des Verkehrsamtes des Landkreises aus. Schließlich seien den Autofahrern Umwege zumutbar, Fußgängern nicht.

Jetzt mahlen zunächst die Mühlen der Bürokratie. Das eine Amt prüft die Einwände des anderen. Notfalls will die Gemeindevertretung gegen das Verkehrsamt klagen. Derweil nehmen die Emotionen in Groß Glienicke immer beängstigendere Formen an.

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