Boxen : Prozess gegen Mutter: Tödliche Flucht vor der Verantwortung

Claus-Dieter Steyer

Daniela J. lässt sich fotografieren, erzählt sachlich und gelöst aus ihrem Leben. Auch bei der schrecklichen und für die Zuhörer im Neuruppiner Landgericht unfassbaren Tat bleibt die 25-jährige Frau mit den blonden Haaren ruhig. Als habe sie das Ereignis vom Sommer 1999 verdrängt.

Damals hatte sie ihre beiden zwei- und dreijährigen Söhne Kevin und Tobias 14 Tage lang unbeaufsichtigt in ihrer Wohnung in einem Stadtteil von Frankfurt (Oder) zurückgelassen. Sie starben durch Verdursten und Verhungern. Wegen zweifachen Mordes verurteilte sie das Landgericht Frankfurt zu lebenslanger Haft, außerdem erkannten die Richter in ihrem Spruch auf eine besondere Schwere der Schuld. Gegen dieses Urteil legte der Verteidiger von Daniela J. Revision beim Bundesgerichtshof ein, der das Verfahren neu aufrollen ließ. In Neuruppin wird nun geprüft, ob die Frau zum Tatzeitpunkt "uneingeschränkt schuldfähig" war. "Es gab zwei Gutachten über die Angeklagte, die sich in einigen Punkten widersprachen", erklärte Gerichtssprecher Frank Jüttner. Für den gestern begonnenen neuen Prozess liege nun weiteres vor. Bei der Diagnose "nicht uneingeschränkt" käme nur ein Strafrahmen zwischen drei und 15 Jahren in Frage.

Daniela J. versuchte gestern, die Schuld an ihrer Tat wenigstens teilweise auf andere zu schieben. Sie erzählt, wie sie in der Schule gleich dreimal sitzenbleibt und erst in einem Förderlehrgang die achte Klasse schaffte. Mit 18 wurde sie das erste Mal schwanger. Sie schmiss die Lehre als Floristin, obwohl das kleine Mädchen bis heute bei den Großeltern aufwächst. Mit 20 Jahren bekam sie das zweite Kind, einen Jungen, zwölf Monate später den zweiten. Das ein Jahr danach geborene Kind gibt sie sofort zur Adoption frei. Sie fühlte sich schon mit drei Kindern - jeweils von unterschiedlichen Vätern - überlastet.

"Ich wollte leben, aber die Kinder machten einfach zuviel Stress": Wie ein roter Faden zieht sich dieser Satz durch die Befragung vor Gericht. Daniela J. berichtet von langen Disko-Besuchen, von denen sie oft alkoholisiert nach Hause zurückkehrte. Die Kinder waren sich selbst überlassen oder für kurze Zeit bei der Großmutter untergebracht. Bezeichnend liest sich ein Polizeiprotokoll, in dem die Beamten von einer verwahrlosten Wohnung berichteten. Ein Nachbar hatte die Polizei wegen "erbärmlichen Gestanks" hinter der Tür von Daniela J. gerufen. Tatsächlich lagen in den Zimmern uralte Nahrungsreste neben benutzten Windeln. Als die Stadtwerke den Strom wegen unbezahlter Rechnungen abstellen, zog Daniela J. mit ihren drei Kindern zu einem Freund. Dabei hätte sie Sozialhilfe erhalten, aber nicht beantragt.

"Das war typisch für Daniela", sagt ihre Mutter vor Gericht. "Bei Schwierigkeiten rennt sie fort." 14 Tage dauerte ihre Flucht vor der Verantwortung im Juni 1999. Sie wohnt bei ihrem Freund, während die beiden zwei- und dreijährigen Jungen allein in der Wohnung bleiben. Die ältere Tochter war zu dieser Zeit im Garten der Oma. Als sie mit ihrer Mutter schließlich doch zu den Jungs zurückkehrte, sagte sie ganz leise: "Die Kinder bewegen sich nicht mehr."

Der Prozess wird morgen fortgesetzt. Das Urteil wird am 10. Oktober erwartet.

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