Boxen : Rechtsextremismus: Ausländische Forscher meiden Potsdam

Clemens Wergin

In mindestens zwei Fällen haben ausländische Wissenschaftler einen Ruf an brandenburgische Forschungsinstitute wegen fremdenfeindlicher Vorfälle abgelehnt. Dies teilte die Landesregierung in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mit. Wie die Uni Potsdam bestätigte, habe eine Literaturwissenschaftlerin vor zwei Jahren einen Ruf an die Hochschule ausgeschlagen, "mit Verweis auf ihren jüdischen Ehemann und die ausländerfeindliche Haltung in Deutschland". Die Landesregierung teilte weiter mit, ein ausländischer Gastdozent der Uni Potsdam sei "verbal und körperlich bedrängt" worden.

Auch Elke Müller, Sprecherin des Potsdamer Albert-Einstein-Instituts, bestätigt den Bericht der Landesregierung. Die Leitung des Instituts der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) habe schon in Berufungsverhandlungen mit einem indischstämmigen Wissenschaftler aus den USA gestanden, als dieser "in einem Supermarkt angepöbelt wurde". Der Forscher habe die Verhandlungen um eine C4-Professur dann abgebrochen. Müller vermutet, dass in diesem Fall viele Faktoren zusammengewirkt haben: "Wenn ein anderes Angebot kommt und jemand eine Familie hat, der man die ausländische Herkunft deutlich ansieht, dann geht man vielleicht auch woanders hin."

Bernd Ebersold, Leiter der Abteilung für Außenbeziehungen der MPG, meint, dass der wissenschaftliche Ruf Deutschlands in Gefahr gerät, wenn die ausländerfeindlichen Vorkommnisse der letzten Wochen und Monate anhalten. Zwar gelänge es immer noch, ausländische Forscher auch für die Institute in Ostdeutschland zu rekrutieren, wo 42 Prozent der Institutsleiter keinen deutschen Pass besitzen. Dennoch beeinflussten rassistische Übergriffe meist die Entscheidung farbiger Wissenschaftler, nach Deutschland zu gehen, so Ebersold: "Neben der Ausstattung einer Stelle und dem Forschungsgebiet müssen auch das soziale und familiäre Umfeld stimmen".

Im Einstein-Institut in Potsdam kommen fast die Hälfte der Wissenschaftler aus dem Ausland. "Spitzenforschung ist international", meint Sprecherin Müller. Die Stimmung am Institut sei gut und weitere Übergriffe seien nicht bekannt geworden. Um ausländerfeindliche Vorkommnisse besser zu erfassen, haben MPG, die Fraunhofer-Gesellschaft, der Deutsche Akademische Auslandsdienst und die Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz (WGL) eine Fragebogenaktion unter ihren Institutsmitarbeitern gestartet. Der Rücklauf ist zwar noch nicht beendet, dennoch hat Anja Pelzer von der WGL erste Eindrücke gewonnen: "Die Reaktionen reichen von einigen bis zu keinen Vorfällen."

Bernd Ebersold von der MPG möchte vorerst noch keinen Forschungsnotstand ausrufen. "Generell haben wir noch einen exzellenten Bildungs- und Forschungsstandort", meint er. Allerdings gehöre die ausländerfeindliche Stimmung zu den "Belastungsfaktoren", die schon jetzt die Anwerbung von Spitzenforschern erschwere. Denn eins sei offensichtlich: "Wir brauchen ein weltoffenes Klima, um einen international konkurrenzfähigen Standort zu haben."

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