Boxen : Rechtsextremismus: Monströse "Germania" soll abschrecken

Axel F. Busse

Sie heißt "Germania" und ist das mit Abstand auffälligste weibliche Geschöpf in der Stahlwerker-Stadt. Als allegorische Walküre auf einem Kampfwagen mit Schwert und Schild bewaffnet, das Gesicht als Totenmaske ausgebildet, zeigt sie ihr hässliches Antlitz. Allerdings ist der Kampfwagen wegen eines Radschadens nicht einsatzfähig. Auf einer acht Meter hohen Säule stehend, überragt die drei Meter große Figur seit wenigen Tagen die Kreuzung von Beeskower Straße und Lindenallee. Die Kampfjungfrau der nordischen Barbaren steht am Rande der Fußgängerzone, den Blick starr und kalt nach Osten gerichtet: in diese Richtung orientiert sich deutsche Fremdenfeindlichkeit zuerst.

Die Figur aus Stahlblech ist eines der wenigen politisch motivierten Werke des Metallgestalters Eckhard Herrmann: "Meine Germania ist ein Symbol gegen Nationalismus, Radikalismus und Chauvinismus", sagt der 50-jährige Künstler, "aber sie steht auch für Europa". Herrmann stammt aus Eberswalde, einer Hochburg des rechtsextremen Mobs.

Entstanden ist das insgesamt rund zwölf Meter hohe Werk in nur drei Wochen im Rahmen der Veranstaltungen zum 50-jährigen Bestehen des Eisenhüttenstädter Eko-Stahlwerks. Heute Abend werden Herrmann und 14 weitere Künstler, die sich an dem so genannten Metallurgie-Pleinair beteiligt hatten, von Bürgermeister Rainer Werner im Rathaus empfangen. Werner war bereits bei der Aufstellung des Werkes zugegen. Auch Ministerpräsident Manfred Stolpe soll dabei sein, wenn die Feiern zu einem halben Jahrhundert Stahl und Stadt fortgesetzt werden. Eckhard Herrmann freut sich, an dem Künstlertreffen mitgewirkt zu haben: "Endlich konnte ich etwas kreieren, was sonst nie entstanden wäre."

Bei künstlerischen Wettbewerben, so erklärt der diplomierte Metallgestalter, neige auch er dazu, den Geschmack der Auftraggeber zu berücksichtigen. "Schließlich will man ja gewinnen." Die Künstlerwerkstatt in "Hütte", wie die Einheimischen ihre Stadt nennen, war großzügig vom Stahlwerk und anderen Firmen gesponsert worden. Allein an Rohmaterial verarbeiteten die aus Deutschland, Italien, der Türkei, Bulgarien und Japan stammdenden Künstler Gieß- und Walzprodukte für mehr als eine Viertelmillion Mark. Das schwerste Ergebnis, eine Skulptur des Brandenburgers Christian Röhl, wiegt 48 Tonnen.

Die Werke sind seit vergangener Woche in der Eisenhüttener Innenstadt ausgestellt, aber Herrmanns "Germania" ist das einzige, das sich politisch unübersehbar exponiert. Das Gesicht der Figur erinnert an einen Totenschädel, die Stahlhaut ist löchrig und der morbiden Erscheinung haftet ein Hauch von Verelendung an. "Nicht nur gegen Rechts", wendet sich der Künstler, "es gibt auch andere Extreme." Bis zur physischen Erschöpfung hat er allein an dem millimeterstarken Autoblech gehämmert und geschweißt. "Ich wollte es in drei Wochen schaffen und ich wollte leiden", bekennt der Witwer, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau in diesem Frühjahr auch persönliche Erfahrungen von Verlust und Vergänglichkeit in künstlerischem Schaffen zu kompensieren versuchte. "Die Versinnbildlichung des Themas Tod beschäftigt mich schon lange."

Für mindestens ein Jahr wird die "Germania" in Eisenhüttenstadt stehen. Auch praktische Erwägungen flossen in die Abmessung des Sockels mit ein. "Da oben kann man sie nicht beschmieren oder beschädigen", erklärt der Künstler, der auch in seiner Heimatstadt Eberswalde "schon mit der Kerze in der Hand auf dem Markplatz gestanden" hat. Nach Ablauf der Frist wird in "Hütte" entschieden, welche Werke gekauft werden. "Wenn meines nicht dabei ist", sagt Herrmann, "wird sie an meinem neuen Atelier aufgestellt und blickt dann ins Eberswalder Urstromtal."

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