Rechtsextremismus : Neonazi-Akademie auf dem Landgut

Die NPD hat den Ort für ihr geplantes Schulungszentrum gefunden: ein früheres Hotel in Rauen bei Fürstenwalde. Der Kaufvertrag soll schon geschlossen sein.

Thorsten Metzner
NPD-Schulungszentrum
Günstig gelegen. Das "Gut Johannesberg", 70 Kilometer südöstlich von Berlin. -Foto: Metzner

Rauen - Die rechtsextreme NPD hat nach Tagesspiegel-Informationen im Land Brandenburg jetzt tatsächlich eine Immobilie für ein neues Schulungszentrum gefunden. Bei dem von den Rechtsextremen bislang geheimgehaltenen Objekt handelt es sich um das gegenwärtig leerstehende „Gut Johannesberg“, einem früheren Hotel in der Ortschaft Rauen (Landkreis Oder-Spree) zwischen Storkow und Fürstenwalde. Zu dieser Anlage etwas außerhalb des Dorfes, die von hohen Mauern und Hecken umschlossen und kaum einsehbar ist, gehören 200 000 Quadratmeter Land. Als Käuferin ist allerdings nicht die NPD selbst aufgetreten, sondern – wie nach Verfassungsschutz-Erkenntnissen in solchen Fällen bundesweit üblich – ein Mittelsmann. Wie der Tagesspiegel erfuhr, ist es die Ehefrau des NPD-Spitzenfunktionärs Andreas Molau, der zu den führenden NPD-Kadern in Deutschland gehört. Der 39-jährige Publizist ist im NPD-Bundesvorstand für Bildung und Schulung zuständig und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Parteichefs Udo Voigt.

Es dürfte schwierig sein, die Pläne noch zu stoppen. Der Kaufvertrag für die Immobilie sei bereits unterzeichnet worden, hieß es. Der Verkäufer sei ein 88-jähriger Mann, der in einem Pflegeheim lebt. Allerdings ist die Eintragung ins Grundbuch nach Tagesspiegel-Informationen noch nicht erfolgt.

Auch Brandenburgs Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die rechtsradikale NPD hinter dem Immobiliendeal steckt. Dem Verfassungsschutz sei der Vorgang bekannt, bestätigte Geert Piorkowski, Sprecher des Innenministeriums. Die Behörde, die Privatkäufe nicht im Visier habe, sei „aus der Region auf diesen Kauf aufmerksam gemacht worden“. Im Rahmen „seiner rechtlichen Zuständigkeit und Kompetenzen“ habe der Verfassungsschutz „die nötigen Prüfungen eingeleitet“. Diese dauerten zwar noch an. Doch laut Piorkowski hat der Verfassungsschutz bereits Erkenntnisse, dass „ein leitender Berliner NPD-Funktionär“ vor Ort in Rauen „Interesse an der Immobilie signalisiert hat“.

So passt alles ins Bild. Die Brandenburger NPD hatte in den letzten Monaten wiederholt behauptet, im Land Brandenburg bei der Suche nach einer Immobilie für die geplante Schulungsstätte fündig geworden zu sein. Bundesweit besitzen die Rechtsextremen 20 Objekte, die sie für Veranstaltungen nutzen. Da der Brandenburger Landesverband den Ort aber bislang nicht genannt hatte, blieben Zweifel. Parteisprecher Thomas Salomon ließ nur verlauten, dass sich das künftige Schulungszentrum im „mittleren Speckgürtel“ befinde, es müsse aber erst benutzbar gemacht werden, wozu auch Sicherungsanlagen gehörten.

Auf das „Gut Johannesberg“, das frühere Hotel „Landhaus Rauen“, träfe das alles zu. Es würde den Rechtsradikalen günstige Bedingungen bieten: Es lässt sich abschirmen, es gibt Unterkünfte und mit einer ausgebauten großen Scheune, in der bis vor einigen Jahren eine Diskothek betrieben wurde, einen Tagungssaal. Das Gut liegt logistisch günstig, keine fünfzehn Minuten von der Autobahn, 70 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernt. Dass man im Landkreis Oder-Spree fündig wurde, dürfte kein Zufall sein. Es ist eine NPD-Hochburg. Seit der Kommunalwahl 2003 sitzt die NPD, die landesweit rund 230 Mitglieder zählt, dort im Kreistag. Vorsitzender der Kreistagsfraktion ist NPD-Landeschef Klaus Beier, zugleich Sprecher der Bundespartei.

Der Rauener Bürgermeister Eckart Kultus, 67 Jahre, parteilos, ist tief beunruhigt. Genaues weiß er zwar nicht, aber die Gerüchte um das frühere Obstgut und seine dubiosen Käufer sind auch an ihm nicht vorbeigegangen. Noch hofft Kultus, „dass nichts dran“ ist, dass die Neonazis fern bleiben. Er fürchtet den Rummel, die Stigmatisierung seines Dorfes. Denn bislang ist Rauen, 1800 Einwohner, ein idyllischer, ruhiger Ort, mit einem regen Vereinsleben, mit Kinder-, Dorf- und Sängerfesten im Sommer. 1999 wurde das nach der Wende herausgeputzte Rauen schönstes Dorf im Kreis wurde. In den „Rauener Bergen“ ringsum findet man Markgrafensteine, die als größte Findlinge Brandenburgs gelten. „Wir sind doch ein Ausflugs-, ein Tourismusort“, sagt Kultus, und fügt bitter hinzu: „Aber wir sind auf andere Touristen aus.“

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