Boxen : Rechtsextremismus: Wohin will die Antifa? (Kommentar)

Frank Jansen

So schlimm war es wohl nicht, das antirassistische "Grenzcamp" in Forst. Die Stadtverwaltung hatte Chaostage aggressiver Schmuddelkinder befürchtet, doch sie bekam eine Lektion erteilt. Nicht nur von den Campern. Auch die Polizei verweigerte sich der Hysterie. Das Cottbuser Polizeipräsidium wies den jungen Linken gegen den Willen des Bürgermeisters einen provisorischen Zeltplatz zu, und die Camper verzichteten weitgehend auf militantes Gehabe. So scheint es den Antirassisten gelungen zu sein, bei "normalen" Bewohnern in Forst Verständnis für den Protest gegen Fremdenhass und rechte Gewalt zu wecken. Ein Hoffnungsschimmer in Zeiten unablässig eingehender Meldungen über Angriffe auf Migranten, Linke, Obdachlose, Punks und andere Opfergruppen.

Der Verlauf der Grenzcamp-Woche könnte Anzeichen für ein Umdenken in Teilen der unabhängigen Linken sein. Dies betrifft vor allem die "Antifa"-Szene, die sich dem Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus mit einem Eifer widmet, der bisweilen fanatisch wirkt. Brandanschläge auf Autos von Neonazis kontrastieren mit akribischer Dokumentation rechtsextremer Machenschaften. Selbst Experten der Sicherheitsbehörden loben, hinter vorgehaltener Hand, die "Faktenstärke" mancher Antifa-Broschüre. Oftmals geben diese die Realität genauer wider als Meldungen und Berichte von Polizei und Verfassungsschutz. Doch findet die Arbeit der engagierten Antifas jenseits der Szene nur wenig Beachtung. Was sich allmählich ändern könnte.

Das mühselige Engagement von Gruppen wie der "Aktion Noteingang" wird zunehmend auch in bürgerlichen Kreisen wahrgenommen. Die 1999 von jungen Linken ins Leben gerufene Aktion hat in Frankfurt (Oder) Institutionen wie die Stadtwerke, Sparkasse, Deutsche Bank, Europa-Universität und andere gewinnen können, den Aufkleber "Wir bieten Schutz und Information bei rassistischen und faschistischen Übergriffen" weitflächig anzubringen. Ein Signal: Rechten Schlägern wird angezeigt, an welchen Türen ihr Treiben endet. Dass ziviler Widerstand zunimmt. Und mächtigere Gegner als die Linken eingreifen.

Ein breites Bündnis gegen Rechts hat 1996 Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg gefordert, "von den Autonomen bis zu stramm Konservativen". Da haben Linke gelächelt. Doch nach vier weiteren Jahren rechter Gewalt kann sich wohl kaum ein Antifaschist der Einsicht verschließen, dass Selbstbestätigung im Szene-Ghetto zur Abwehr der Gefahr nicht taugt. Vielmehr zeigt das Beispiel Frankfurt, in welchem Maße die Antifa ihr Engagement vermitteln kann - bis hin zum "Großkapital".

Natürlich wäre es naiv, nun von einem leitenden Angestellten der Deutschen Bank radikale Systemkritik zu erwarten. Doch auch Mitglieder bürgerlicher Eliten können sensibilisiert werden. Zumindest punktuell. Aus welchen Motiven sie sich tatsächlich gegen Rechtsextremismus wenden, kann und sollte man hinterfragen. Aber den Verzicht auf solche Bündnispartner kann sich die Linke angesichts der Dimension, die der braune Straßenterror erreicht hat, nicht leisten.

Der Zuspruch für die "Aktion Noteingang" und die positiven Signale des Grenzcamps in Forst sind Zeichen der Ermutigung für das Engagement gegen Rechts. Wenn die Antifa sich nicht wieder ins Ghetto zurückzieht.

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