Boxen : Reporterglück und -unglück 2000: Politisch korrekt baden gehen

Claus-Dieter Steyer

Nicht jedes Erlebnis während der oft langen Touren durchs Land Brandenburg taugt gleich für eine Nachricht oder einen Reportage. Doch gerade diese Nebensächlichkeiten bleiben oft länger in Erinnerung und geben so den Stoff für einen kleinen persönlichen Jahresrückblick.

Da war beispielsweise im Frühjahr die unheimliche Verwandlung des Stadtcafés in Senftenberg. An diesem Tag sollte in der Nähe ein Braunkohlenbagger gesprengt werden. Früh am Morgen konnten Pressevertreter das Gerät noch einmal in Augenschein nehmen. Die Wartezeit bis zur mehrere Stunden später angesetzten Sprengung wurde im Senftenberger Stadtcafé verbracht. Es war eine biedere Gaststätte mit älteren Gästen, einem nicht ganz flotten Kellner und ordentlichem Essen. Störungslos verlief auch die Sprengung. Auf dem Nachhauseweg fehlten plötzlich die Fahrzeugpapiere. Also umgedreht und das Stadtcafé angesteuert. Doch wo am Mittag noch Männer ziemlich gelangweilt am Tresen herumhingen, saßen spärlich bekleidete Damen. Flackerndes Licht, blauer Rauch und Nebel verdeckten die Sicht. Leise Musik drang aus den Boxen. Eine zärtliche Hand zog am Arm. Tatsächlich: Das kleine Restaurant hatte sich in ein Bordell verwandelt. Der Kellner vom Nachmittag war nicht mehr da. Doch er hatte die unter einem Tisch gefundenen Papiere vorsorglich an der Theke hinterlegt. Erst beim Verlassen des Hauses fiel die rote Laterne im Fenster des ersten Stockwerkes auf.

Kommunikationsprobleme ganz anderer Art gab es zur Eröffnung des Lausitzringes im August. 120 000 Menschen tummelten sich auf den Tribünen an der Rennstrecke und im Fahrerlager. Mindestens die Hälfte von ihnen muss zur gleichen Zeit über das Handy telefoniert haben. Denn sämtliche Netze brachen zusammen. Doch für die Übermittlung der Texte und Fotos brauchte es eine Verbindung. Also wurden Laptop und Handy unter den Arm genommen, um mit dem Auto ein Stück weg vom Lausitzring zu fahren. Auf dem Parkplatz herrschte aber das Chaos, es ging nicht vor- und nicht rückwärts. Also wurde zu Fuß marschiert - immer den Blick aufs Handy. Tatsächlich meldete sich nach zwei oder drei Kilometern das D-2-Netz. So konnte abseits des Lärms der Text im Schatten eines Baumes geschrieben werden - so lange, wie die Akkus des Laptops noch Saft gaben.

Unvergessen bleibt die Eröffnung der Badesaison im Babelsberger Strandbad. Die beiden Minister für Gesundheit und Umwelt stellten sich für die Fotografen ins Wasser, die das Bild des Jahres geliefert bekamen. Denn Alwin Ziel und Wolfgang Birthler legten nur ihre langen Hosen ab. Hemd, Krawatte und Jackett blieben am Mann. In der Redaktionskonferenz am nächsten Tag fragte denn auch ein Redakteur beim Betrachten des Fotos ganz verwirrt: "Ich weiß nicht, wie die Menschen in Brandenburg ins Wasser gehen? Aber in anderen Gegenden binden sie dabei die Krawatte ab."

Ganz andere Erfahrungen mit der Presse und TV-Stationen aus aller Welt machte der Wirt der Gaststätte "Sächsischer Jäger" im kleinen Groß-Derschau bei Bautzen. Die Flucht des Gewaltverbrechers Frank Schmökel hatte den Tross der Berichterstatter aus aller Welt für zwei Tage in das Dorf geführt. Die einzige Gaststätte mit einigen Pensionszimmern wurde dem Ansturm der hungrigen und durstigen Reporter, Kameraleute und Techniker kaum Herr. Kurz nach dem Mittag des zweiten Tages schloss der Wirt deshalb seine Gaststube ab, um Lebensmittel und Getränke in großer Zahl für einen möglichen neuerlichen Andrang am Abend heranzuschaffen. Doch er wartete vergeblich. Schmökel war am Nachmittag am Ortsrand gefasst worden. In Windeseile waren die Reporter aus Groß-Derschau wieder verschwunden, denn die Pressekonferenz zur erfolgreich abgeschlossenen Fahndung fand in Dresden statt.

Noch viele Dinge ließen sich erzählen: von der Flucht vor den Flammen eines Waldbrandes bei Märkisch Buchholz, vom Pech eines Kollegen einer anderen Zeitung, dem im Flugzeug mitten über dem Lausitzring die Batterien seines Fotoapparates versagten oder von der langen Suche nach dem Auto auf dem Parkplatz vor einem polnischen Grenzmarkt. Wie von Geisterhand hatte es sich von der Mitte an den Rand des "bewachten" Platzes fortbewegt. Nichts fehlte. Nur einige Kratzer am Autoradio deuteten auf die fremden Nutzer hin. Doch das Autoradio war ihnen wohl zu alt - wie der ganze Dienstwagen.

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