Boxen : Ressource Zukunftsmut

Gerd Nowakowski

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Einer der Gründe, warum ehemalige DDRBürger so empfindlich auf die Schönbohm-Vorwürfe reagieren, ist das vermittelte Gefühl, wirklich Restbevölkerung gewesen zu sein. Es wurde der Eindruck vermittelt, dass jeder, der konnte, aus der DDR abhaute – und die Angepassten, die Trägen und die Mitläufer zurückblieben. DDR eben, „Der Doofe Rest“, wie es bitter hieß. Und heute? In Brandenburg setzte sich nach der Wende die Abwanderung fort, weil die Träume auf schnellen Wohlstand und gut bezahlte Arbeit zerplatzten. Die Leistungsbereiten ziehen erneut dorthin, wo es Jobs gibt.

Das Land hat deshalb in alarmierendem Maße junge Menschen verloren. Familien mit Kindern werden in wenigen Jahren eine Minderheit sein. Zwischen Uckermark und der Prignitz wird es bald eine total überalterte Gesellschaft geben, mit mehr über 80-Jährigen als Jugendliche unter 15 Jahren. Jahrelang hat die Landesregierung gegen den Exodus wenig unternommen, hat absurderweise bis vor einiger Zeit sogar Abwanderungshilfen gezahlt, wenn qualifizierte Arbeitslose in andere Bundesländer umzogen. Auch eine Form von Kapitalvernichtung.

Das könnte sich bald rächen. Das „Institut für praxisorientierte Sozialforschung und Beratung“ aus Jena hat am vergangenen Mittwoch gemeinsam mit Ministerpräsident Matthias Platzeck eine Studie vorgestellt, wonach Brandenburg bis 2010 rund 100 000 Fachkräfte benötigt und bis 2015 weitere 100 000 Fachleute, weil bis dahin fast jeder vierte Beschäftigte in Rente geht. Den größten Bedarf wird es in den dynamischen Branchen Maschinenbau, Fahrzeugbau, Chemie und Biotechnologie geben, sagen die Forscher. Eine Chance für die jüngeren Brandenburger. Wenn man sie rasch nutzt.

Nun sind die alarmierenden Bevölkerungsverluste seit langem bekannt; nur hat sich wenig getan. Die Jenaer Wissenschaftler weisen auch auf den „Fatalismus der Alteingesessenen“ hin, die hemmend für die Belebung der Wirtschaft und der Regionen seien. Wer keinen Mut für die Zukunft hat, der ist auch nicht bereit, in die Ressource Jugend zu investieren, darf man daraus wohl schließen. Anders die neu zugezogenen Unternehmer: Die würden die Chancen deutlich optimistischer sehen, auch für die Randregionen Brandenburgs, schreibt das Jenaer Institut. Manchmal hilft offensichtlich der Blick von außen. Aufgabe der Politik ist es, neue Hoffnung für die Zukunft zu vermitteln. Und notfalls dabei tatkräftig nachzuhelfen. Im Land Mecklenburg-Vorpommern etwa wird eine Rückkehrprämie für abgewanderte Landeskinder gezahlt.

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