Boxen : Rinderwahn: Frische Luft in den Ställen

Claus-Dieter Steyer

Das Experiment war nichts für Feinschmecker. Eine tote Kuh lag auf der Weide gleich hinter dem Stall. Ihre Artgenossen wurden herangeführt, um deren Reaktion zu testen. Die scherten sich nicht viel um den Kadaver, sondern fraßen rechts und links das Gras ab. Dann holte der Landwirt einige Schweine. Die bahnten sich sofort ihren Weg zum leblosen Tier und begannen ihr Mahl. Schweine sind eben Allesfresser, im Gegensatz zu Rindern.

Die Demonstration führte den Laien vor Augen, was jeder Fachmann weiß. Tiermehl, also die Rückstände von verarbeiteten Kadavern, hat im Futter von Rindern nichts zu suchen. Dennoch gehörte dieses Produkt lange Zeit zum täglichen Brot in bestimmten Kuhställen, obwohl es höchstwahrscheinlich als ein Auslöser des Rinderwahnsinns BSE gilt. Bis heute gibt es Verdächtigungen gegen Futtermittelwerke, noch immer Tiermehl aus den Zutaten nicht verbannt zu haben.

Brandenburg ist bislang von einem BSE-Fall verschont geblieben. Zwar will niemand die Hand ins Feuer legen, dass es ausgerechnet in diesem Bundesland auch dabei bleibt, aber von Pessimismus kann in weiten Teilen der Bauernschaft keine Rede sein. Dafür spricht, so widersinnig es auf den ersten Blick auch scheinen mag, womöglich gerade die große Zahl der vom Bundeskanzler so verteufelten "Agrarfabriken". Die Nachfolgebetriebe der LPG müssen nicht auf Tiermehl für die Fütterung der Rinder zurückgreifen, sie besitzen schließlich - im Gegensatz zu den bäuerlichen Familienwirtschaften - große Acker- und Weideflächen. Hier wächst genügend natürliches Futter. Außerdem schauen in solchen Ställen der Tierarzt und die Lebensmittelkontrolleure viel öfter vorbei. Alles keine Gewähr für irgendetwas - aber ein Hinweis darauf, dass es um mehr geht als nur um zwei verschiedene Arten von Landwirtschaft. Wie die bisherigen BSE-Fälle zeigen, muss ein kleiner Stall nicht unbedingt größere Gesundheit bedeuten. Die Bauern merken es an der Milchleistung ihrer Kühe. Die Politik preist die ökologischen Landwirtschaft als Allheilmittel. Dagegen gibt es Vorbehalte, auch in Brandenburg - gerade in Brandenburg. Hier glaubt man nicht, dass - zum Beispiel - in Maßen ausgebrachte Pflanzenschutzmittel ungesund sind. Obwohl damit das Prädikat Öko natürlich verdorben ist, auch wenn sonst alles stimmt.

Vertrauen in die Landwirtschaft kann auch in Brandenburg nur durch mehr Informationen hergestellt werden. Die meisten Bauern sind dazu längst bereit. Sie öffnen ihre Höfe, wenn auch manchmal viel zu zögerlich. Viele verunsicherte Städter fahren inzwischen aufs Land, um sich in den Hofläden direkt beim Bauern mit frischen Waren zu versorgen.

Davon gibt es noch viel zu wenig Gelegenheiten. Aber der Erfolg des Oberhavel-Bauernmarktes in Schmachtenhagen, des Gutes Kerkow bei Angermünde, der Bioland-Ranch in Zempow oder des Öko-Dorfes Brodowin sollten anderen Agrarbetrieben Mut machen.

Von Freitag an kann sich auf der Grünen Woche jeder mit weiteren Adressen und vielen Informationen eindecken. Dann sollten die Besucher auch vor unbequemen Fragen nicht zurückschrecken, ohne aber den Berufsstand der Bauern gleich zu verdammen. Der Mut zum Experiment mit der toten Kuh spricht jedenfalls für ein Umdenken - der Landwirte und der Verbraucher.

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