Boxen : Sachsenhausen: Zum Gedenken gespaltener Granit

Claus-Dieter Steyer

Immer mehr Opfergruppen des NS-Terrors erhalten seit dem vergangenen Jahr in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen eigene Mahnmale, Tafeln oder Erinnerungszeichen. Am gestrigen Totensonntag enthüllte der russische Außenminister Igor Iwanow für seine ermordeten Landsleute im ehemaligen Kommandanturbereich des Konzentrationslagers einen gespaltenen Stein aus schwarzem Granit. "1941 - 1945. Gedenke eines jeden der Tausende, im KZ Sachsenhausen zu Tode gequälten Söhne und Töchter des Vaterlandes. Die Regierung Russlands", lautet die Inschrift auf dem von Professor Alexander Welikanow geschaffenen Denkmal. Sowohl Ministerpräsident Manfred Stolpe als auch Außenminister Joschka Fischer werteten die Teilnahme Iwanows an dem feierlichen Akt als Symbol der "neuen deutsch-russischen Verbundenheit".

Der größte Teil der sowjetischen KZ-Häftlinge bestand aus Kriegsgefangenen. Schon kurz nach dem Überfall am 22. Juni 1941 trafen die ersten Männer in Sachsenhausen ein. Sie erhielten hier den Buchstaben "R" auf der Häftlingskleidung. Dieser stand mit Ausnahme der Ukrainer für die Herkunft aus der gesamten Sowjetunion. Da diese Menschen auf der rassistischen Werteskala der Nationalsozialisten gemeinsam mit Juden und so genannten Zigeunern am unteren Ende standen, mussten sie die schlimmsten Haftbedingungen erleiden. Hunger, Krankheiten und Misshandlungen rafften Tausende dahin. Gezielte Mordaktionen löschten das Leben von rund 12 000 Kriegsgefangenen aus. Das waren rund ein Drittel aller in deutschen Konzentrationslagern umgebrachten Soldaten der Roten Armee. "Die Bedingungen in den Baracken waren so unbeschreiblich, dass es sogar zu Auswüchsen des Kannibalismus kam", sagte der Gedenkstättendirektor Günter Morsch.

Nicht nur die Zahl der in Sachsenhausen ermordeten Kriegsgefangenen führte zur Aufstellung des neuen Denkmals in der nördlich Berlins gelegenen Stadt. In Oranienburg liefen die Fäden des gegen diese Häftlingsgruppe gerichteten Mordprogramms zusammen. In dem noch erhaltenen Gebäude der Inspektion der Konzentrationslager fielen die Entscheidungen über die Vernichtungsarten und die schließlich automatisierten Abläufe der Mordaktionen. Mark Telewitsch, ein Überlebender des Lagers, schilderte in einem gestern verlesenen Brief das Schicksal von zwei "getöteten Kameraden". Ein General habe selbst unter Androhung des Todes in den Verhören der SS geschwiegen. Ein 15-jähriger Dorfjunge sei wegen eines Fluchtversuches erschossen worden. Er habe durch die Oder nach Hause schwimmen wollen. Auch Stalins Sohn, der am 16. Juli 1941 als Hauptmann und Batteriechef in Gefangenschaft geraten war, wurde in Sachsenhausen getötet.

Erst seit einigen Jahren wird in Russland über das Schicksal der in Deutschland inhaftierten Kriegsgefangenen offen diskutiert. Viele Rückkehrer kamen nach 1945 gleich in Arbeits- und Erziehungslager. Sie hätten nicht alles für die Rettung der Heimat getan, hieß es in der Propaganda. Noch heute sind längst nicht alle damaligen Opfer rehabilitiert, hieß es gestern am Rande. Ebenso spielte die Rolle der Sowjetunion nach der Lagerbefreiung in Sachsenhausen keine Rolle. Bis 1950 unterhielt sie hier ein Speziallager, wo Tausende deutsche Gefangene, darunter auch Unschuldige, starben.

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