Boxen : Scheibchenweise Dioxin-Wahrheiten

Gerät das Gift vom Klärwerk in den Zeuthener See? Minister Birthler leugnet Vertuschungsversuch

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Schönefeld. Alles nicht so schlimm, bleibt die Devise des Umweltministeriums in Sachen Dioxinbelastung rund um Schönefeld. Wie berichtet, war am Wochenende bekannt geworden, dass in einem bislang als Bade- und Angelgewässer genutzten Regenrückhaltebecken des Selchower Flutgrabens – gelegen zwischen dem stillgelegten und hochgradig dioxinverseuchten Klärwerk Diepensee und dem Zeuthener See – stark erhöhte Dioxinkonzentrationen festgestellt worden sind. Nach einem entsprechenden nur „für den internen Dienstgebrauch“ bestimmten Bericht des Landesumweltamtes vom Juni 2002 wurden die Grenzwerte bis um das Zwölffache überschritten. Inzwischen wurden für die Gewässer Badeverbote erteilt. Der Bericht schließt nicht aus, dass langfristig Dioxin aus diesem Becken in den Zeuthener See gelangen kann.

Bislang hatte das Umweltministerium lediglich die Belastung des früheren Klärwerks Diepensee und eines Tümpels in unmittelbarer Nähe bestätigt, weitere Dioxingefahren jedoch bestritten. Auch nach Bekanntwerden des neuen Berichts wies Agrar- und Umweltminister Wolfgang Birthler (SPD) erneut Vorwürfe zurück, die Dioxingefahren vertuscht oder unterschätzt zu haben. Birthler sagte, es sei schon länger bekannt, dass es rund um das Klärwerk ein Dioxinproblem gebe. Eine Belastung des Zeuthener Sees mit dem Ultragift oder des Grundwassers im Umfeld des Schönefelder Flughafens schloss er dagegen kategorisch aus. Minister Birthler sagte, das Landesumweltamt komme in seinem Bericht zu dem Ergebnis, dass der Dioxingehalt im Fließwasser zwischen Rückhaltebecken und Zeuthener See völlig unbedenklich sei. Allerdings liegen die Ergebnisse an der Nachweisgrenze. Das sagte Matthias Freude, der Präsident des Landesumweltamtes. Seine Behörde hatte schon 1996 in einem internen Vermerk gewarnt, dass durch Überflutungen der maroden, dioxinverseuchten Kläranlage Diepensee eine „Gefahr der Grundwasserkontamination“ bestehe.

Der Streit um die Dioxingefahr in Schönefeld schwelt seit Monaten. Der BVBB wirft der Landesregierung immer wieder vor, zu Gunsten des Großflughafens Berlin-Brandenburg International gegen Umweltschutzgesetze zu verstoßen. Mitte vergangener Woche hatte die Staatsanwaltschaft Potsdam ein Verfahren eingestellt, dass die BVBB durch Anzeigen wegen Verstößen gegen Umweltstrafrecht motiviert hatte.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Danckert zeigte sich gestern „sehr verwundert“ über die scheibchenweise Informationspolitik Birthlers. „Die schweren Bedenken des Bürgervereins scheinen sich zu bestätigen“, sagte Danckert. Er forderte eine umfassende Untersuchung unter Einbeziehung aller beteiligten Behörden, um den Gesamtumfang möglicher Gefahren zu ermitteln. Thorsten Metzner

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