Boxen : Schrankenslalom: Meist verunglücken Einheimische

Claus-Dieter Steyer

Die sofortige Vollbremsung des Lokführers verringerte die Wucht des Aufpralls kaum. 100 Meter schleifte die Diesellok den Mercedes mit. Aus dem Wrack wurde der Fahrer schwer verletzt geborgen. Er stammte aus der Umgebung des Bahnübergang im nördlichen Berliner Umland und hatte wohl das Blinklicht am Andreaskreuz nicht beachtet oder sich in der verbleibenden Zeit bis zum Eintreffen des Regionalzuges verschätzt. Nach der Statistik der Deutschen Bahn stammen in Brandenburg die meisten Opfer an unbeschrankten oder nur mit Halbschranken gesicherten Übergängen aus dem Umkreis der Unfallstelle oder wohnen in einer Entfernung von maximal 30 Kilometern.

Damit widerlegen die Zahlen die weit verbreitete Ansicht, vor allem ortsunkundige Autofahrer hätten mit den vielen ungesicherten Bahnübergängen im Umland Probleme. In ganz Brandenburg gibt es 1860 Bahnübergänge. 750 davon sind mit Schranken gesichert. An der Hälfte aller Überfahrten stehen nur Andreaskreuze. Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 34 Zusammenstöße zwischen Zügen und Autos. Dabei kamen acht Menschen ums Leben. Seit 1991 starben 109 Menschen an diesen Stellen.

Die Eigentümer der Heidekrautbahn zwischen Berlin-Karow und Groß Schönebeck wollen nach einem kürzlich tödlich ausgegangenen Unfall schnell reagieren. Nach Angaben der Niederbarnimer Eisenbahn sollen noch in diesem Jahr 1,5 Millionen Mark in die Sicherheitstechnik investiert werden. So erhalten drei Bahnübergänge in Klosterfelde automatische Halbschranken.

An anderen Überquerungen stehen künftig Lichtsignalanlagen. Von den 29 Bahnübergängen der vor allem bei Berliner Ausflüglern beliebten Strecke nach Norden sind bislang erst elf technisch gesichert. Nach Polizeiangaben gab es hier in diesem Jahr bereits drei tödliche Unfälle.

Bei der Deutschen Bahn sind Voll- oder Halbschranken auf allen Strecken mit mindestens Tempo 80 vorgeschrieben. An ICE-Linien, auf denen die Züge mit Geschwindigkeiten um die 160 Kilometer pro Stunde rasen, gibt es gar keine Bahnübergänge mehr. Eine Fahrt durchs Havelland zeigt dies eindrucksvoll.

Halbschranken haben aus der Sicht der Bahn AG Vor- und Nachteile. "Falls Autofahrer auf den Gleisen plötzlich zum Stehen kommen, können sie in Notsituationen immer noch um die Schranke herumfahren", sagt Pressesprecher Gunnar Meyer. Allerdings nutzten diese Möglichkeit auch "normale Fahrer", die sich durch einen lebensgefährliche Slalom Zeitvorteile versprechen. Vor allem Einheimische verlassen sich auf ihre Erfahrungen nach dem Motto: Wenn sich jetzt gerade erst die Schranken schließen, dann habe ich noch genügend Zeit zum Überqueren. Oft täuscht allerdings das Gefühl.

Vor allem an Straßen mit wenig Verkehr stehen nur die rot-weißen Andreaskreuze. Der Lokführer kündigt sein Kommen zwar mit lauten Hupen an, doch vor allem jungendliche Fahrer auf den Heimwegen von Diskos können akustisch gar nichts wahrnehmen. Ihre aufgedrehten Lautsprecherboxen übertönen das Signal der Loks um das Mehrfache.

0 Kommentare

Neuester Kommentar