Boxen : Schröder in Brandenburg: Im Osten lockt schon wieder der Westen

Claus-Dieter Steyer

Der junge Mann vor dem Haus des Eberswalder Berufsausbildungsvereins konnte seine Frage an den Kanzler nicht stellen. "Kein Durchkommen", sagte er traurig, schüttelte den Kopf über den undurchdringlichen Tross aus Bodyguards, Journalisten und offiziellen Begleitern. "Dabei hatte ich nur wissen wollen, ob es eine Partei gibt, die ihre Versprechen auch einhält", meinte der angehende Koch lächelnd. "Die Arbeitslosigkeit hat Schröder jedenfalls auch nicht abgebaut."

Mit seiner Clique wartete er erst gar nicht das Ende des Mittagessens der Kanzlerdelegation im renovierten Haus ab, schnellen Schrittes ging es zum nächsten Badesee. Drinnen servierten junge Damen dem Gast gefüllten Jungschweinerücken mit Klößen. "Wir haben den Akt vielleicht zwanzig Mal probiert", gestand eine Auszubildende ihre Aufregung. "Aber es hat alles geklappt."

In dem Eberswalder Verein erhalten vor allem jene Jugendliche eine Ausbildung, die vergeblich nach einer Lehrstelle in der Wirtschaft gesucht hatten. Mit dem Berufsabschluss als Koch oder Kellner stehen die meisten allerdings nach drei Jahren wieder auf der Straße.

Bei einer 20-prozentigen Arbeitslosenrate in Eberswalde und in fast allen anderen Regionen Brandenburgs gleicht die Jobsuche einer Lotterie. Dabei würden einheimische Hoteliers und Gastwirte liebend gern wegen des guten Niveaus gerade Absolventen des Berufsausbildungsvereins nehmen. Doch oft müssen sie sich selbst hinter die Theke oder an den Kochtopf stellen. Für zusätzliche Angestellte fehlt das Geld. So bleibt als Alternative nur die Marschrichtung "Go west!". Nicht allein nach Westdeutschland zieht es deshalb die ausgelernten Köche aus Eberswalde, sondern bis nach Frankreich, Italien und Übersee.

Der Bundeskanzler wollte von einer "dramatischen Abwanderung", wie es ein Lokalpolitiker formulierte, nichts wissen. Schon lange sei mehr Mobilität von Arbeitssuchenden verlangt worden. "Aber leider kehren die wenigsten Abwanderer in ihre alte Heimat zurück", entgegnete ein alter Eberswalder. "Diejenigen, die hierbleiben und herumlungern, schlagen anderen Menschen die Köpfe ein." Schröders Antwort waren die drei Buchstaben ABM. "Gerade weil es im Osten weniger betriebliche Arbeitsplätze gibt, brauchen wir mehr Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen", sagte er. Lohnkostenzuschüsse wie im Westen verfehlten aus einem einfachen Grund ihre Wirkung: "Es existieren gar nicht genug Betriebe."

Nach so viel Trübsal fiel die Bilanz der zweiten Reisestation durch Brandenburg schon erfreulicher aus. Der Reifenhersteller Pneumant in Fürstenwalde zählt mit fast 600 Beschäftigten zu den größten Unternehmen in Ostbrandenburg. Er schreibt unter dem Dach der Firmen Dunlop und Goodyear schwarze Zahlen.

"Nur unsere Löhne hinken dem Westniveau noch hinterher", klagte ein Arbeiter am Rande des Betriebsrundganges.

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