Boxen : Schweinemast macht Stunk

Investor plant riesige Anlage für 85000 Tiere. Anwohner und Naturschützer legten über 1200 Beschwerden ein. Dreitägige Anhörung im August

Claus-Dieter Steyer

Haßleben - Schloss Boitzenburg liegt ruhig und still und strahlt in hellen Farben. Nichts deutet darauf hin, dass es hier Ende August hoch hergehen wird. Bauern, Umwelt- und Naturschützer, Hoteliers, Tourismusexperten und Arbeitslose, Wirtschaftsberater und viele Einwohner werden sich dann drei Tage lang mit Sicherheit einen heftigen Streit liefern. Denn es geht um die größte deutsche Schweinemastanlage im Nachbarort Haßleben.

85000 Schweine sollen hier ab dem kommenden Jahr gleichzeitig für das Schlachten aufgepäppelt werden. Das seit Jahren umstrittene Projekt eines niederländischen Unternehmers spaltet wie kein anderes Vorhaben die Region. Während das Brandenburger Agrarministerium, der Kreistag Uckermark und viele Kommunalpolitiker die Pläne wegen der versprochenen 50 neuen Arbeitsplätze unterstützen, kritisieren viele das Projekt. Sie befürchten erhebliche Belastungen vor allem für die Umwelt und durch den Geruch für den Tourismus.

Rund 1200 Einwendungen will das Landesumweltamt auf der dreitägigen Veranstaltung in Boitzenburg anhören. Sie waren nach der Auslegung der Baupläne vor einigen Monaten bei der Behörde in Potsdam schriftlich eingereicht worden. Die meisten Bedenken drehen sich um Belange des Tierschutzes, der Gülleentsorgung und um Auswirkungen auf die Natur und den Tourismus. Nur die Pläne für den Großflughafen Schönefeld haben eine ähnlich umfangreiche Anhörung einer Brandenburger Behörde nötig gemacht. Allerdings sind die Dimensionen der Projekte nicht vergleichbar.

Doch genau wie die Anwohner rund um den neuen Airport wissen auch die Haßlebener scheinbar genau Bescheid, was auf sie zukommen wird. Denn schon zu DDR-Zeiten wurde hier eine Schweinezucht betrieben. Deren Ausmaße übertrafen sogar die jetzt geplanten Dimensionen. Bis 1991 zählte die etwa 20 Fußballfelder große Anlage täglich 146000 Tiere.

Jede Woche wurden 5000 Ferkel geboren und 150 Schlachtschweine für Devisen nach West-Berlin geliefert. 800 Menschen fanden hier ein Auskommen. Für sie entstanden in Haßleben unter anderem zwei Wohnblöcke. Nach der Wende hatte das Bundesumweltministerium alle Großviehanlagen auf ihre Gefährdung für die Umgebung untersuchen lassen. Haßleben bestand den Test nicht. Im Grundwasser und im Boden hatten sich wegen der riesigen Güllemengen zu viele Schadstoffe angesammelt. Viele Einwohner verließen auf der Suche nach Arbeit die Region. Einer der beiden Wohnblöcke ist schon abgerissen worden.

Die Befürworter der neuen Anlage werfen den Gegnern vor, mit alten Erfahrungen das neue Projekt zu bekämpfen. „Die Technik hat sich doch weiterentwickelt“, sagt Frank Skomrock von der Interessengruppe „Pro Schwein“. Die geplante Fläche, auf der künftig die Gülle der Schweine ausgebracht werden soll, sei mit 9000 Hektar drei- bis viermal so groß wie vor 1991. Moderne Filteranlagen reduzierten die Geruchsbelästigung.

„Es gibt viele ethische Gründe und erhebliche Umweltbedenken, die gegen eine solch riesige Anlage sprechen“, sagt dagegen Ernst Prieß vom Naturschutzbund und von der Bürgerinitiative „Kontra Industrieschwein Haßleben“.

Massentierhaltung sei ein Kulturverfall, denn die Schweine würden zu einer völlig entwürdigenden Produktion missbraucht. „Die intelligenten Lebewesen sehen in ihren Hallen von der Geburt bis zur Schlachtung kein Sonnenlicht und können sich auch sonst keine Bedürfnisse erfüllen.“ Außerdem würden solche hochtechnologisierten Fabriken Arbeitsplätze in kleineren Agrar-Betrieben vernichten, die nie mit den Preisen aus der Großanlage mithalten könnten.

Doch das wichtigste Argument der Gegner bleibt der Tourismus. Kein Gast würde noch in eine Region voller Gestank und langer Lastwagenkolonnen kommen, heißt es. Die Befürworter drehen aber jetzt sogar den Spieß um. Sie schlagen einen „gläsernen Schweinestall“ vor, in dem sich die Besucher selbst ein Bild vom Zuchtbetrieb machen könnten. Sie glauben, dass das eine zusätzliche Attraktion rund um Templin wäre. An Gesprächsstoff bei der Anhörung in Boitzenburg dürfte also kein Mangel herrschen.

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