Boxen : Schwierige Rahmenbedingungen

Immer, wenn sich zwischen Havel und Oder der Vorhang hebt, ist das schon ein kleiner Erfolg. Doch die Theater in Brandenburg haben auch in diesem Herbst viel zu bieten

Frederik Hanssen

Cottbus / Frankfurt (Oder). „Herzlich willkommen in Frankfurt an der Oper!" Nach solchen lustigen „Versprechern“ leckt sich jeder Stadtführer die Finger – nur leider gibt es in der Grenzstadt schon lange keine Oper mehr.

Das Frankfurter Theater wurde nach der Wende so lange eingedampft, bis die Mannschaft so klein war, dass sie sich gegen die Schließung nicht mehr wehren konnte. Übrig blieben allein die Musiker, die sich rechtzeitig zum „Brandenburgischen Staatsorchester“ adeln ließen. Nun muss das neue Kleist Forum, ein schicker Bau, der mit viel Geld von der Europäischen Gemeinschaft in bester Lage errichtet wurde, von der Frankfurter Messegesellschaft mit Gastspielen gefüllt werden, so gut es geht. Für einige Opernaufführungen holt man sich günstige Truppen aus Polen, die Sprechtheaterproduktionen kommen aus jenen brandenburgischen Städten, die noch Schauspielensembles haben.

Gespart, geschrumpft und geschlossen wurde in der Kulturlandschaft des bettelarmen Flächenlands Brandenburg seit 1989 so rabiat, dass jedem Theaterfan die Tränen in die Augen schießen. Um überhaupt noch eine Grundversorgung mit Bühnenkunst sicherstellen zu können, hat das Kulturministerium die Städte Potsdam, Frankfurt und Brandenburg in einen Theaterverbund gezwungen. Widerwillig tauschen die drei nun Inszenierungen aus, transportieren Menschen und Material über Hunderte von Kilometern.

Zur Gründung einer Landesbühne, die zentral in Potsdam ihre Produktionen erarbeiten könnte und dann jedes Stück auf einer Tournee in ganz Brandenburg zeigen würde, konnte man sich bislang nicht durchringen. Denn so klamm die Gemeinden auch sind, eine eigene Kultureinrichtung will jeder vorweisen können. In den kleinen Orten funktioniert das ganz gut, weil sich die Bühnen, die zu DDR-Zeiten teilweise Oper, Schauspiel und Ballett anboten, gleich nach 1989 auf ein spezielles Programmsegment zurückzogen. Senftenberg versorgt das ganze ehemalige Braunkohlerevier mit Kinder- und Jugendtheater, Schwedt hat sich vor allem mit Schlagerrevuen einen Namen gemacht.

Auf überregionalem Niveau mithalten kann Cottbus. Die Stadt hat nicht nur eines der schönsten Theater Deutschlands (vom Architekten des Berliner Theaters des Westens, Bernhard Sehring), sondern auch ein treues Publikum, das seine Schauspieler und Sänger liebt. Opernregisseur Martin Schüler, der ab dieser Saison das Haus leitet, hat sich vorgenommen, die sonst so streng getrennten Schauspiel- und Musiktheatersparten in gemeinsamen Projekten zusammenzuführen. So hat beispielsweise am 21. September Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit der Bühnenmusik von Mendelssohn-Bartholdy Premiere.

Neben Frankfurt haben sich auch Potsdam und Brandenburg in den letzten Jahren Kulturbauten von der EU bezahlen lassen – und parallel dazu eigene Institutionen abgewickelt: Das „CulturCongressCentrum“ genannte Brandenburger Theater darf nach der Auflösung des Ensembles für seine Produktionen Chor und Solisten nur noch auf Werkvertragsbasis engagieren. Potsdam hat zwar ein hochklassiges Konzerthaus, doch im Nikolaisaal konnte das städtische Orchester nie auftreten: Es war noch vor dem Eröffnungskonzert entlassen worden. Derzeit entsteht nahe der Glienicker Brücke ein Neubau für das „Hans Otto Theater“ (als Ersatz für die so genannte „Blechbüchse“ am Alten Markt). Der Bau des Kölner Architekten Gottfried Böhm soll 50 Millionen Euro kosten und so großstädtisch werden wie der Nikolaisaal. Bleibt angesichts des allgemeinen Spardrucks nur zu hoffen, dass es dann auch noch ein Ensemble gibt, um die neue Bühne mit Leben zu füllen.

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