• Senioren-Wohnsitze im Umland: Vor der Tür Berlin, hinter der Pforte das Grün. Immer mehr Anfragen von Hauptstädtern - viele werden enttäuscht

Boxen : Senioren-Wohnsitze im Umland: Vor der Tür Berlin, hinter der Pforte das Grün. Immer mehr Anfragen von Hauptstädtern - viele werden enttäuscht

Simone Leinkauf

Beate Judisch schaut sich nachdenklich in ihrem neuen Zuhause um: Vor sieben Wochen packte die 72-Jährige in Berlin-Steglitz Kisten und Koffer, verkleinerte entschieden ihren Hausstand und zog in die Eineinhalb-Zimmer-Wohnung ins Augustinum nach Kleinmachnow. Den Weg vor die Tore der Hauptstadt wählte sie bewusst: "Berlin aufgeben wollte ich auf keinen Fall - ich wollte die Stadt vor der Haustür haben, aber nicht mehr drin wohnen." Und so ist sie der Hektik der Großstadt entflohen und blickt von der kleinen Terrasse aus direkt ins Grüne. Bei ihrem Ruderverein in Wannsee ist sie genauso schnell wie früher, und die Freunde finden den Weg nach Kleinmachnow ebenso oft, wie noch vor wenigen Wochen nach Steglitz. Die Entscheidung für das Wohnstift Augustinum fiel ihr leicht: "Das war für mich klar", erinnert sich die frühere Senatsangestellte, "als ich das erste Mal von dem geplanten Projekt auf dem einstigen Mauerstreifen hörte, obwohl ich mich damals schon nach einer anderen Wohnung erkundigt hatte". Und als das Augustinum dann zu Ostern 1997 eröffnet wurde, schloss sie einen Vorvertrag und zahlte ein verzinstes Wohndarlehen ein, um im Bedarfsfall auch einen Platz zu bekommen.

Insgesamt gibt es in dem Wohnstift 270 Ein- bis Dreizimmerappartements - völlig autarke Wohneinheiten, deren Bewohner die Gemeinschaftsangebote des Stiftes wie Bibliothek, Theater und Schwimmbad nutzen können, aber nicht müssen. Eine pflegerische Betreuung ist bis Stufe 3 möglich, was gleichbedeutend damit ist, dass ein alter Mensch im Pflegefall bis zum Tod in seiner gewohnten Umgebung bleiben kann und nicht in eine Pflegestation oder ein Heim abgeschoben wird. Rund 320 Menschen leben im Augustinum, der jüngste 64, der älteste 107 Jahre. Darunter gibt es Ehe- und Geschwisterpaare und zwei Mal sogar Mutter und Tochter. Mehr als die Hälfte von ihnen kommt aus Berlin und durchaus nicht nur aus dem Westteil der Stadt. Das Augustinum steht mit diesen Zahlen für einen Trend, der auch in anderen Seniorenheimen und Altersresidenzen zu spüren ist, wenn auch längst noch nicht so deutlich. Immerhin leben zur Zeit mehr als 480 000 Menschen über 65 in Berlin, Tendenz steigend. Und eine immer größere Zahl der Berliner im Rentenalter will raus aus der Stadt, ohne gleichzeitig die Nähe zu Freunden und Verwandten völlig aufzugeben. Da bieten sich Alterswohnsitze im Bereich des Berliner Ringes wie die gerade in Teltow eröffnete "Lavendelresidenz" in der früheren Parfümfabrik oder auch das Katholische Senioren- und Pflegeheim in Dallgow, das im Herbst einen Neubau beziehen wird, an. Wobei am Beispiel Dallgows deutlich wird, dass der Weg von Berlin nach Brandenburg nicht immer unproblematisch ist.

Im Senioren- und Pflegeheim in Dallgow leben schon jetzt Berliner - und es gibt durchaus weiteres Interesse. Da der Neubau auch mit Fördergeldern des Landes Brandenburg bezahlt wird, ist die Heimleitung angehalten, erst mal Brandenburgern die Plätze zu sichern. Schließlich lebt bereits jeder vierte Brandenburger von Rente oder Pension. "Und deshalb können wir", so der Heimleiter Dirk Niklowitz, "auch wenn wir wollen, nur eine begrenzte Anzahl von Berlinern aufnehmen." Voraussichtlich wird das vor allem Plätze der Pflegestufe 3 betreffen.

Die Leiterin des ASB-Seniorenwohnparks in Falkensee, Marlen Wollnik, schränkt die Aufnahme von Berlinern in ihrer Einrichtung sogar noch weiter ein: "Das geht im Grunde nur noch im Zusammenhang mit Familienzusammenführungen", betont sie, "das heißt, dass vor Ort wohnende Kinder ihre Eltern nach Falkensee holen." Und wer seinen Alterssitz nach Potsdam verlegen will, der stößt auf noch größere Schwierigkeiten. Auch wenn es keine gesetzliche Regelung gibt, nach der Einrichtungen in Brandenburg keine Berliner aufnehmen dürfen, so ist das fast genauso schwierig, als wenn ein Berliner Kind in einen Potsdamer Kindergarten gehen soll.

Auf telefonische Nachfrage war keines der befragten Potsdamer Heime bereit, Berlinern die Türen zu öffnen. Das einzige im Besitz der Stadt befindliche Seniorenwohnheim "Geschwister Scholl" hat sogar in der Satzung festgelegt, dass nur Brandenburger aufgenommen werden dürfen. Bei den anderen Einrichtungen bekommt man nur die Auskunft, dass die Kapazitäten schon für die Potsdamer nicht reichten und bei der Stadtverwaltung halten sich die zuständigen Stellen bedeckt. Schließlich hat man in allen Neuen Bundesländern aufgrund der Feierabendheime in der DDR, in die auch nicht-pflegebedürftige alte Menschen aufgenommen wurden, nach der Reform der Pflegeversicherung einen Überhang an Menschen in Pflegeheimen. Sie dürften nach den neuen Regelungen nicht mehr aufgenommen werden. Doch sie dürfen natürlich bleiben und sind damit für den Engpass mit verantwortlich, der derzeit im Land Brandenburg bei den Plätzen in Alters- und Pflegeheimen herrscht.

In der Landesregierung ist das ein höchst aktuelles Thema: Der im Sozialministerium zuständige Referatsleiter Gregor Kempkens plant ein umfassendes Verzeichnis mit allen Senioreneinrichtungen des Landes inklusive der Kostenfaktoren, das auch ins Internet gestellt werden soll: "Hier gibt es ganz offensichtlich ein Informationsbedürfnis der Betroffenen, das wir sehen", so Kempkens, "und dem wir auch entsprechen wollen." Dass es in diesem Bereich eine Fluktuation von Berlin nach Brandenburg gibt, ist unbestritten. Und dass sich trotz einer fehlenden formalen Länderfusion in der Praxis im Interesse der Betroffenen eine Länder übergreifende Zusammenarbeit anbieten würde, liegt auf der Hand. Doch auch in der jetzigen Situation lässt sich das Interesse der Berliner an Brandenburg nicht stoppen. Und so wird in Zukunft sicherlich nicht nur das Augustinum eine größere Anzahl Berliner Bewohner vorweisen - auch wenn viele der Meinung sind, das Wohnstift werde nur deshalb so gut von Berlinern angenommen, weil es für die Brandenburger zu teuer sei. Beate Judisch rechnet sich nicht zu den Reichen Berlins: "Ich habe während meiner Arbeitszeit auch daran gedacht, was fürs Alter zurückzulegen", betont sie, "und dann auch mal auf was verzichtet. Das ist eher eine Frage des Lebensstils, als eine des Geldes."

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