Single-Wandern : Der rutschige Weg ins Glück

Wanderungen für Singles – das Interesse ist groß. Doch die Frauen suchen eher Freunde als unbedingt den Mann, mit dem sie durchs Leben schreiten wollen

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Gemeinsam Single. Den Spaziergang nutzen die meisten zum Reden. Foto: Uwe Steinert

Sumpfig der Boden, die Gegend dicht bewaldet, so sei Potsdam gewesen, vor vielen vielen Jahren. Anne Maria Reimer, 30 Jahre alt, blondes Haar unter wollener Mütze, steht mit dem Rücken zur Nikolaikirche und erklärt. Über ihr fällt Schnee aus dem Himmel, vor ihr steht ein verfrorenes Grüppchen Menschen mittleren Alters. Potsdam auf schwammigem Boden? Ach was, das ganze Leben ist ein Sumpf, der zäh an den Füßen zieht, in dem man beharrlich herumsucht nach jemandem, der die Hand reicht – und festhält.

Vor Frau Reimer und der Nikolaikirche stehen an diesem Sonntag Mitte Januar die Teilnehmer der ersten Tour vom neuen Anbieter „Singlewandern in Berlin und Brandenburg“, ein Ableger der Potsdamer Agentur Fine Event.

Es sind etwa 20 Menschen, mehr Frauen als Männer, die sich über mehrere Stunden an den Potsdamer Schlössern vorbeiführen lassen und quer durch den Park Sanssouci. Schon vorab verraten Mitarbeiter von Fine Event, dass sie beeindruckt waren von der großen Zahl der Anmeldungen; dass sie einigen sogar absagen mussten und dass viele aus dem Brandenburger Umland kommen, aus Glienicke oder Neuruppin.

Klaus zum Beispiel ist aus Stahnsdorf angereist. Er ist 50 Jahre alt, groß und schlank – und schon sein ganzes erwachsenes Leben lang auf der Suche nach „der Richtigen“. Schwer zu finden, sagt er und stapft durch den Schnee im Park. Klaus trägt Outdoorjacke und Mütze, im vergangenen Sommer reiste er durch Kanada. Er weiß nun, was zu tun ist, wenn man einem Bären gegenübersteht (nicht in die Augen sehen!), aber in Sachen Frauen (unbedingt in die Augen sehen!) ist er nach wie vor ratlos. Auch heute, so romantisch im verschneiten Park, ist wohl leider keine dabei.

Was vielleicht daran liegt, dass die mitwandernden Damen sich gar nicht unbedingt vorgenommen haben, jetzt und ausgerechnet an diesem Tag den Mann ihres Lebens kennenzulernen. Constanze etwa, die fellumrandete Kapuze verdeckt fast ihre Augen, will „Freundinnen finden“. Sonntage seien als Single oft besonders einsam, sagt sie. So eine Wanderung kam der 47-Jährigen da gerade recht. Auch Gudrun, 70, reizte die Gelegenheit, Potsdam kennenzulernen und neue Bekannte gleich dazu. 2007 zog sie von Kassel nach Berlin, „den Kindern hinterher“. Zwei Enkelkinder hat sie in Potsdam, doch braucht der Mensch nicht nur Familie, sondern auch Freunde. Die sucht sie.

Als Partnervermittlung will Sabine Sasse, Organisatorin des Singlewanderns, dieses bitte ohnehin nicht verstanden wissen. Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenzubringen, das sei ihr Ziel. Für die kommenden Wochen und Monate hat sie mit ihren Kollegen weitere Touren im Berliner Umland ausgetüftelt. Für jeden soll etwas dabei sein.

Holger interessierte an der Schlössertour beides: Geschichte und Frauen. Letzteres, das ist nach der Hälfte des Weges, bei einem Stopp mit Punsch, klar, aber dann doch eher weniger. „Nix dabei“, sagt er und wischt sich Tropfen von den Brillengläsern. Er ist 45 Jahre alt und vor allem fehlt ihm jemand zum Reden. Denn Holger ist Lokführer, und wer schon im Führerstand keine Gesellschaft hat, der braucht sie zumindest zu Hause. Mit der letzten Frau hat es irgendwann nicht mehr funktioniert, wie das so ist. Die Neue müsste sich abfinden können mit schwierigen Arbeitszeiten, einem Mann, der stets auf Achse ist, dafür aber zufrieden – Lokführer ist sein Traumberuf.

Seine Lieblingsstrecke führt ihn vorbei an Neustadt/Dosse, wo man im Frühjahr mit dem Regionalexpress wie durch einen Blütenwald rauscht. Holger hat Sinn für Romantik. „Sie watschelt wie eine Gans“, was Friedrich der Große über seine spätere Frau Elisabeth-Christine von Braunschweig-Bevern gesagt haben soll, käme einem wie ihm nicht über die Lippen. Lieber spricht er über Potsdamer Gebäude und ihre Fassaden. Von den kommenden Touren hat Holger sich schon einige ausgeguckt, die ihn ebenfalls interessieren.

Da ist er nicht der Einzige. Nach der fast vierstündigen Wanderung melden sich einige gleich zur nächsten Tour an. Weil sie die Freundes- und Partnersuche, Sumpf oder Schnee, was soll’s, selten so vergnüglich fanden. Katja Reimann

Die nächste Singlewandertour „Ufa-Zeit und Babelsberg“ findet am Sonntag, 31. Januar statt. Informationen dazu und Anmeldung unter Tel. 0331-2009930 und www.single-wandern-bb.de

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