Boxen : Spielzug

Nicola Kuhn

Ein Kabinettstück ist Evelyn Grill gelungen mit ihrem Roman „Der Sammler“, der Geschichte eines manisch Besessenen und dem Versuch seiner vermeintlich wohlmeinenden Umgebung, ihn von seinem maßlosen Trieb zu befreien. Denn Alfred Irgang ist nicht irgendein Sammler. Der Sohn aus gutem Hause, wo neben BiedermeierMobiliar ein Stillleben von Beckmann und eine Skulptur von Maillol zum gepflegten Inventar gehörte, häuft nicht Kunst oder antiquarische Schätze an, sondern verleibt seiner Kollektion alles nur Vorstellbare ein: ausrangierte Korkenzieher, Regenschirme, leere Joghurtbecher, Zeitschriften, Damenmieder, Stadtpläne, auf die er bei seinen Beutezügen in den Abfalleimern Ludwighafens stößt. Die Folge ist die vollkommene Vermüllung seiner Bleibe, die Vernachlässigung seiner selbst. Für die Freunde aus besseren Tagen ist das nicht hinnehmbar. Die „Zwangsbeglückung“ nimmt ihren Lauf, als der „Messie“ Irgang nach einem Rattenbiss mit Blutvergiftung ins Krankenhaus gebracht wird.

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Schematisch wie eine Schachspielerin stellt Evelyn Grill ihre Figuren auf, lässt sie mit jedem Kapitel wieder in die Ausgangsposition treten, dem wöchentlichen Stammtisch, der die Rettung des Gefallenen plant, dem voraussehbaren Auftritt Alfred Irgangs mit Beuteln voller Plunder, den rituellen Nachgesprächen des PhilosophieProfessors Gregor Voss und seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Dora Stein. Wie die Namen der Protagonisten – die Sozialarbeiterin heißt Uta Aufbau, der Galerist Hugo Bosart – wirkt der Plot zwar konstruiert, doch das Geschehen gewinnt Schwung, als die Gesellschaft in die Wohnung Irgangs eindringt.

Nebenbei stellt das Buch Fragen nach der Bedeutung von Besitz, der Relativität allgemeiner Werte und dem gebotenen Respekt. In der Figur der Dora Stein, die den Fall eiskalt als Erzählung ausschlachten will, schlägt sich die Autorin sogar selbst auf die Finger. Ein Gesellschaftsroman, der am Ende keinen ungeschoren lässt.

Evelyn Grill: Der Sammler. Roman. Residenz Verlag, Salzburg. 235 Seiten, 19,90 €.

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