Spreewald : Umweltsünder vom Amt

Auf einer Baustelle der Naturschutzbehörde wurden stark bedrohte Muscheln getötet. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Thorsten Metzner
156014_0_3a94e8ba Foto: Thilo Rückeis
Künstliches Idyll. Die bei Ausflüglern beliebten Fließe im Spreewald existieren nur dank eines ausgeklügelten Systems von Wehren....Foto: Thilo Rückeis

Cottbus/Burg - Die Cottbuser Staatsanwaltschaft ermittelt in einem landesweit wohl beispiellosen Fall möglicher Umweltkriminalität im Biosphärenreservat Spreewald. Nach Tagesspiegel-Informationen sind ausgerechnet bei einem Gewässerausbau-Projekt des Landesumweltamtes im Spreewaldort Burg besonders geschützte, europaweit vom Aussterben bedrohte Bachmuscheln getötet worden.

Die Anklagebehörde bestätigte, dass „wegen Verdachts auf Verstoß gegen Paragraf 66 des Bundesnaturschutzgesetzes ermittelt wird“, dem Straftatbestand für die Tötung von Lebewesen, die auf der „Roten Liste“ besonders bedrohter Arten stehen. Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen gegen eine Fremdfirma will das Umweltamt Konsequenzen ziehen. „Wir müssen daraus lernen“, sagte Amtspräsident Matthias Freude: „Das darf nicht wieder passieren.“

Die Ermittlungen richten sich nach Angaben eines Sprechers der Cottbuser Staatsanwaltschaft gegen zwei Mitarbeiter eines Unternehmens, das im Auftrag des Landesumweltamtes das Greifenhainer Fließ – einen der idyllischen Spreewaldkanäle in der Gemeinde Burg – ausgebaggert hat. Solche Arbeiten sind notwendig, damit das „Staugürtelsystem“ weiter funktioniert, das den Wasserhaushalt der Spreewald-Kanäle reguliert.

Ins Rollen kam die Sache durch eine Strafanzeige des Naturschützers Rüdiger Herzog, Vize-Landeschef der Naturfreunde Brandenburg und früherer Geschäftsführer des Landesbüros anerkannter Naturschutzverbände. Er hatte Anfang April fotografisch dokumentiert, dass am Greifenhainer Fließ in der Stadt Burg an der Baustelle des Landesumweltamtes der ausgebaggerte Schlamm samt Muscheln auf eine Wiese gekippt worden war und „100 bis 1000 Tiere“ verendeten. Wie es dazu kommen konnte, ist bislang unklar. Vorgeschrieben ist, dass die geschützten Muscheln vor dem Ausbaggern aus dem Wasser geholt oder danach aus dem Schlamm abgesammelt und auf jeden Fall wieder ins Wasser gesetzt werden müssen. Die Firma will dies getan haben, die Fotos mit den toten Muscheln stehen im Widerspruch dazu. Was Laien harmlos erscheinen mag, sei keine Bagatelle, erklärt Herzog: „Die Natur lebt von Artenvielfalt. Und diese bedrohten Muscheln stehen europaweit unter besonderem Schutz. Deutschland hat die Verpflichtung, das zu sichern.“

Vor wenigen Jahrzehnten war die fünf bis sieben Zentimeter große Gemeine Fluss- oder Bachmuschel, die mehr als 30 Jahre alt werden kann, in Flüssen Europas weit verbreitet. Das hat sich mittlerweile dramatisch geändert. In ganz Mitteleuropa sind die Bestände aufgrund von Verschmutzung der Flüsse um etwa 90 Prozent geschrumpft. In vielen Regionen ist die Flussmuschel, die besonders empfindlich auf Umweltveränderungen reagiert, bereits ausgestorben. Deshalb steht sie in Deutschland auf der Roten Liste. Und die Europäische Union hat Unio crassus, so der wissenschaftliche Name, als besonders geschützte Art in die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) aufgenommen. Die Fluss- und Bachmuschel war sogar „Weichtier des Jahres 2006“ – ein Titel, mit dem Naturschützer auf besonders bedrohte Arten aufmerksam machen.

Dem Landesumweltamt ist der Umweltfrevel bei eigenen Arbeiten im Spreewald besonders unangenehm, weil die Behörde selbst in keinem guten Licht dasteht. Präsident Freude hatte bei einem ähnlichen Fall vor einem Jahr – auch damals ging es um getötete Muscheln im Spreewald – den Naturschutzverbänden eine bessere Kontrolle und Aufsicht bei solchen Projekten zugesagt.

Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen hat sich das Landesumweltamt bereits bei Herzog in einem Brief offiziell entschuldigt, was für märkische Behörden durchaus ungewöhnlich ist. Man habe den „Vorgang zum Anlass genommen, den Sachverhalt hausintern kritisch auszuwerten“, heißt es in dem Brief. „Auch wir bedauern, dass es bei den (…) Bauarbeiten offenbar zu einer Tötung von geschützten Tieren gekommen ist.“ Die Behörde verspricht in dem Brief, „auf die ökologische Baubegleitung“ bei künftigen Arbeiten im Spreewald „einen noch größeren Wert zu legen“. Man sei an einer „umweltschonenden Vorgehensweise interessiert“, was nicht nur eine „leere Worthülse“ sei. Konkret soll, so erklärte Freude auf Nachfrage, das Landesbüro der Naturschutzverbände künftig Listen aller geplanten Wasserbaumaßnahmen im Land und der Unterhaltungsarbeiten im Spreewald erhalten, um sich vor Ort überzeugen zu können, dass bedrohte Arten geschützt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben