Boxen : Stechlinsee: Maränen im Netz, Schellenten im Schilf

Claus-Dieter Steyer

In diesen Tagen steht sie wieder auf den Speisekarten ausgewählter Fischrestaurants im nördlichen Brandenburg: die Maräne. Da die lachsartige Spezialität für ihr Wachstum vor allem klare und tiefe Seen benötigt, gilt sie in Fachkreisen als Gradmesser für den Gewässerzustand. "Wir sind auch in diesem Jahr wieder die Besten", sagt Fischer Rainer Böttcher aus Neuglobsow und zeigt stolz auf seine prall gefüllten Fangnetze. "Alles kommt aus dem Stechlinsee." Auf dessen Qualität sei immer Verlass. Drei bis vier Tonnen der nur zwölf bis 15 Zentimeter langen Maränen will er in den nächsten Monaten fangen und im eigenen Fischrestaurant gebraten oder geräuchert servieren. Auch in einigen klaren Seen der Uckermark rund um Lychen fühlen sich die kleinen Fische wohl, wobei die Fangergebnisse dort allerdings nicht mit denen vom Stechlin konkurrieren können.

Auf dem 4,25 Quadratkilometer großem Gewässer halten sich die Maränen nach Auskunft des Fischers in rund 20 Meter Tiefe auf. Sie könnten aber auch noch stärker absinken. Maximal 68 Meter liegen zwischen Wasseroberfläche und dem Seeboden, zwölf Meter beträgt die durchschnittliche Sichttiefe. Theodor Fontane, der den Stechlin in seinem gleichnamigen Roman und in den "Wanderungen" verewigte, hatte einst stark übertrieben: "Er geht 400 Fuß tief, und an mehr als einer Stelle findet das Senkblei keinen Grund", heißt es an einer Stelle. Doch 400 preußische Fuß wären 125 Meter.

Egal, zumindest der Schilderung der Schönheit des Sees ist auch heute nichts entgegenzusetzen. Schon der Name - wie so oft slawischen Ursprung - sagt alles: Entweder leitet er sich von "steklo" (Glas) oder von "-tek" (fließen, sich bewegen) ab. Der glasklare See erweckt selbst bei schwachen Luftbewegungen tatsächlich den Eindruck eines fließenden Gewässers.

Zwar steht das Gebiet schon seit 1938 unter Naturschutz. Doch nach der Wende ließ sich ausgerechnet das für seine großen Naturparke bekannte Brandenburg Zeit: Erst am 7. Juli wird der Naturpark Stechlin-Ruppiner Land als 15. und letztes Großschutzgebiet offiziell eröffnet. Der Grund dafür ragt mit einem Schornstein an einer Ecke des Sees über die Baumwipfel in die Höhe: das Kernkraftwerk Rheinsberg. Dessen bis 1990 auf vollen Touren laufenden Anlagen haben trotz ihrer vergleichsweise kleinen Leistung den Stechlin verändert. Das Kühlwasser der Reaktoren floss direkt in den See zurück. Um ein bis anderthalb Grad Celsius stieg die Wassertemperatur deshalb im Jahresdurchschnitt an. "Das hört sich nicht viel an", sagt der Naturparkleiter Eugen Nowak. "Aber stellen Sie sich einmal eine weltweite Klimaveränderung um diesen Wert vor. Das würde in manchen Gegenden regelrechte Katastrophen auslösen."

Zum Glück gibt es für ein Schreckenszenario am Stechlin keine Anhaltspunkte. Die Biologen hoffen auf eine schnelle Regenerierung belasteter Abschnitte, zumal es seit Anfang Mai keine abgebrannten Brennelemente mehr auf dem Gelände gibt. Bis 2009 sollen alle radioaktiv belasteten Anlagen und Gebäude demontiert sein. Noch ist nicht entschieden, ob tatsächlich die einst versprochene grüne Wiese das Kraftwerk ablösen wird. Bislang reicht das Geld nicht für einen kompletten Rückbau.

Für die Einheimischen sind nicht nur die Maränen ein untrügliches Zeichen für den Zustand des Stechlins. Den gleichen Stellenwert besitzt die Schellente. Wo diese Tiere beim Fliegen ihr ungewöhnliches Geräusch verbreiten, das wirklich an das Schellen einer Glocke erinnert, ist die Welt der klaren Seen noch in Ordnung. Damit das beim großen Stechlin auch so bleibt, dürfen Ausflügler mit ihren Autos nicht in den Ortskern von Neuglobsow fahren. Vom zentralen Parkplatz verkehrt zwischen 10 und 18 Uhr ein kostenloser Bus zum See und zurück. Zweimal täglich wird eine Fahrt zum Naturparkhaus in Menz angeboten (Auskünfte unter Tel. 03306/751 160).

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