Boxen : Streit um "Totalreservat": Theaterdonner im schönen Odertal

Claus-Dieter Steyer

Die Zukunft des Nationalparks Unteres Odertal bei Schwedt steht offenbar auf der Kippe. Sowohl in der Region als auch zwischen Umweltministerium und dem Förderverein für Brandenburgs einziges Naturschutzgebiet dieser Art verhärten sich die Fronten.

Der Streit dreht sich vor allem um den richtigen Umgang mit der wertvollen Natur im 10 500 Hektar großen und rund 70 Kilometer langen Streifen entlang der Oder. Landwirtschaft wird es im bisherigen Umfang dort nicht mehr geben. Denn die Hälfte des Gebietes muss zum Totalreservat erklärt werden, um die internationale Anerkennung als Nationalpark zu erhalten. Auch auf Touristen kommen Verbote in bestimmten Gegenden und ausgewählten Jahreszeiten zu.

"Das ist doch alles nur Theaterdonner", sagt Pfarrer Thomas Berg aus Lunow direkt am Oderdeich, eine gute Autostunde nordöstlich Berlins. Er spricht von "verletzten Eitelkeiten" im Umweltministerium.

Berg steht dem 1992 gegründeten "Verein der Freunde des Deutsch-Polnischen Europa-Nationalparkes" vor, der endgültig in Ungnade bei Umweltminister Birthler gefallen ist. Im Landtag kündigte er an, dem Verein die bisherige Trägerschaft über das Projekt an der Oder zu entziehen. Dieser habe kein Vertrauen mehr von Bund, Land und Kommunen. Birthler, der selbst am Rande des Schutzgebietes wohnt, gebrauchte sogar das Wort "Erpressung" und stoppte die finanzielle Unterstützung. Bisher verfügte die von Pfarrer Berg geführte Gruppe von Naturfreunden und Fachleuten jährlich über mehrere Millionen Mark. Das stammte vorrangig aus Kassen des Bundes und des Landes. Genau 56 Millionen Mark sollte er zwischen 1995 und 2006 für den Ankauf von Flächen innerhalb und außerhalb des Nationalparkes aufkaufen. So sah es das 1995 vom Landtag verabschiedete Gesetz vor. Die von privaten, kommunalen oder kirchlichen Eigentümern erworbenen Weiden, Wälder oder Wiesen sollten dem Naturschutz dienen. "Bisher haben wir rund 5000 Hektar gekauft", berichtet Thomas Berg. Anfangs lief auch alles glatt. Doch mehr und mehr wurde der Verein zur Zielscheibe von Kommunal- und Landespolitikern. "Plötzlich sahen die Menschen, welche Auswirkungen so ein Nationalpark hat", sagt Berg. "Das Umweltministerium beschwichtigte lange Zeit. Es werde schon so schlimm nicht kommen." Aber ein Nationalpark verlange laut Gesetz Einschränkungen für die Landwirtschaft. Der Konflikt eskalierte zwischen 1997 und 1999. Bauern demonstrierten mit ihren Traktoren, Sperrschranken wurden mit Duldung des damaligen Agrarministers niedergerissen und Pfarrer Berg erhielt sogar Morddrohungen. Der Verein fühlte sich als Prügelknabe. "Wir haben nichts Unrechtes getan, sondern nur das Gesetz verwirklicht", erklärt Berg.

Bis heute schrillen bei Bürgermeistern, Landwirten und Gewerbetreibenden die Alarmglocken, wenn dieser Name fällt: Ansgar Vössing. Der Naturliebhaber trieb zuerst das Nationalparkprojekt im Umweltministerium voran, wechselte dann in die Aufbauleitung des Parks, stand später dem Förderverein vor und arbeitet heute beim Senat. Als ihm fachlich keine Fehler nachzuweisen waren, verlegte sich die Kritik auf einen einzigen Punkt: Vössing kam aus Berlin. Ein Außenstehender also wollte den Einheimischen den Naturschutz erklären. "Fremdenfeindlichkeit beginnt nicht erst beim Hass auf Ausländer", sagt Pfarrer Berg.

Ende 2000 reagierte der Förderverein mit einem Überraschungscoup: Er übertrug die von ihm erworbenen Flächen an die Nationalparkstiftung. Dort sind das Land Brandenburg, Berlin, das Chemieunternehmen PCK GmbH aus Schwedt und der Nationalparkverein vertreten.

Ganz freiwillig geschah der Wechsel nicht. Denn der Landesrechnungshof hatte kritisiert, dass der Förderverein Pachteinnahmen aus den zuvor mit Steuermitteln erworbenen Flächen nicht abführte. Nun ist die Stiftung der Ansprechpartner. Sie wird allerdings wieder von einem Mann maßgeblich beherrscht: Ansgar Vössing.

Pfarrer Berg sieht das Aufbrausen des Umweltministers gelassen. "Politiker kommen und gehen. Der Nationalpark bleibt", sagt er. Zunächst seien die vom Förderverein erworbenen 5000 Hektar sicher. "Damit stehen wir im Grundbuch. Da müssten wir schon enteignet werden." Er sieht den Nationalpark als einzige Chance für die Region.

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