Boxen : Stress mit dem Nager

Ein Forstbesitzer ringt mit den Behörden wegen eines Biberpärchens, das seinen Wald unter Wasser setzt

Thorsten Metzner

Brandenburg (havel) - Was für eine gespenstisch-schöne Szenerie! Vom Bahnhof des Brandenburger Ortsteils Kirchmöser, auf einer Halbinsel westlich der Stadt gelegen, läuft man nur ein paar Kilometer nach Südosten, und plötzlich liegt mitten im Wald ein See. Ein ziemlich merkwürdiger See: Mächtige Bäume, dickstämmige Eichen und schlanke Birken, ragen aus dem Wasser, viele davon nur noch als kahle Stümpfe – als habe es hier eine Flutkatastrophe gegeben.

„Das ist allein das Werk des Bibers. Er hat ganze Arbeit geleistet“, sagt Eberhard Schneider bitter. Für den 70-jährigen früheren Finanzrichter aus Hannover, dem ringsum 250 Hektar Wirtschaftswald gehören, ist es eine deprimierende Geschichte. Sie handelt von einem nervenaufreibenden Kampf gegen Behörden-Windmühlen – und von einem noch mächtigeren Biber auf seinem Siegeszug durchs Brandenburgische.

Dabei fing alles harmonisch an, als Schneider 1996 den Wald kaufte, in dem er seither eine florierende Forstwirtschaft betrieb. Selbst als 1998 ringsum der 467 Hektar große, sogenannte Gränert – Schneiders Gemarkungen liegen mitten drin – wegen „seltener und bedrohter Pflanzengesellschaften“ zum Naturschutzgebiet wurde, blieb die Welt in Ordnung: Naturschützer und Förster freuten sich über den Waldbesitzer, der aus seinen Erlösen neue Eichen pflanzte und damit selbst den allgemein geforderten Waldumbau betrieb, von der für die Mark typischen Kiefern-Monokultur zu ökologischeren Laubwäldern. Nie hätte sich Eberhard Schneider träumen lassen, dass ihm ausgerechnet der kleine Tümpel mitten in seinem Wald, der Faule See, einmal den Schlaf rauben würde. Aber genau diesen Tümpel, nicht einmal so groß wie ein Fußballfeld, entdeckte um die Jahrtausendwende ein Biber-Pärchen.

Der einst vom Aussterben bedrohte Elbebiber hat sich in Brandenburg laut Landesumweltamt auf 2200 Nager vermehrt. Er breitet sich weiter aus, entlang von Elbe, Schwarzer Elster, der Spree oder eben auch an der Havel bei Kirchmöser. In Schneiders Wald begann das Nagetier zu tun, was es stets tut, wenn ein Bach plätschert: Es begann den Hechtgraben, der vom Faulen See einige 100 Meter zum Breitlingsee führte, zu stauen. Schließlich ist der Biber, so schwärmen Naturschützer, das einzige Tier, das sich seinen Lebensraum selbst schafft.

„Das Wasser stieg und stieg“, erinnert sich Schneider. Vergeblich versuchte er, Umweltbehörden auf das Problem aufmerksam zu machen, einen kontrollierten Abfluss durchzusetzen. Der See wurde größer und größer, sein Wald immer kleiner. Schneiders Tauziehen mit Umweltministerium, Landesumweltamt und Stadt beschäftige Gerichte und füllt längst Aktenordner. Von seinem vorher gesunden, teilweise unter Naturschutz stehenden Wald stehen mittlerweile rund 50 Hektar unter Wasser, ein Fünftel der Gesamtfläche. „Nach einem Gutachten beträgt der Schaden mittlerweile 257 000 Euro“, sagt Schneider. Dabei müsste eigentlich alles lange geklärt sein: Im Frühsommer 2007 glaubte Schneider, gewonnen zu haben – als er einen juristischen Sieg gegen das Landesumweltamt errang. Das Potsdamer Verwaltungsgericht erlaubte ihm, den Biberdamm um 50 Zentimeter abtragen. Das sollte die Überflutungsfläche in seinem Wald auf erträgliche 20 Hektar reduzieren. Ein Irrtum: „Ich bin das Wasser nicht losgeworden, es war schon zu viel“, erzählt Schneider. Zu seinem Verdruss aber wollen sich die Umweltbehörden – zuständig ist mittlerweile die Stadt Brandenburg – nicht einmal mit dem Potsdamer Urteil abfinden und durch die Instanzen ziehen. Das wird mit dem Artenschutz für den Biber begründet und auch damit, dass der See mittlerweile als europäisches Schutzgebiet ausgewiesen ist: Der Biber soll sich ungestört ausbreiten. „Ich verstehe das alles nicht mehr“, sagt Schneider. „Inzwischen stehen alte Eichen-Alleen unter Wasser, die damals ein Grund waren, den Gränert zum Naturschutzgebiet zu machen.“

Aufgeben will der 70-Jährige nicht. Er setze auf einen Vergleich mit dem Umweltministerium, sagt Schneider. Er wäre bereit, den Biber zu dulden, wenn er von der bundeseigenen BVVG-Treuhandnachfolgegesellschaft als Ersatz 40 Hektar Wald kaufen darf, der an seine Gemarkung grenzt. Dafür braucht er die Zustimmung des Landes. „Ich bin ganz guten Mutes.“ Tatsächlich hat das Land Kompromissbereitschaft signalisiert. „Es gibt Wege für einen Interessenausgleich, etwa über Drainagerohre“, sagt Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes. „Ich will gar nicht, dass der Biber wegkommt“, sagt Schneider. „Aber auch ihm muss man doch Grenzen setzen.“

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