Tabulose Forschung : Lepsiushaus wird in Potsdam eröffnet

Die Potsdamer Forschungsstätte zum Völkermord an den Armeniern, das Lepsiushaus, wird eröffnet. Noch vor einigen Jahren wurde von türkischer Seite versucht, die Stätte mit einer massiven Kampagne zu verhindern.

Yvonne Jennerjahn

Der große Streit scheint beigelegt. Noch vor einigen Jahren wurde von türkischer Seite mit einer massiven Kampagne versucht, das Potsdamer Lepsiushaus zu verhindern. Inzwischen ist es ruhig geworden. Der Aufbau einer Begegnungs- und Forschungsstätte zum Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich und zum Wirken des evangelischen Pfarrers Johannes Lepsius (1858-1926) ist ohne großes Aufsehen zum Ziel gelangt: Zwölf Jahre nach Beginn der Planungen wird das Haus am heutigen Montag eröffnet.

Der armenische Botschafter Armen Martirosyan wird zu der Feier am Fuß des Potsdamer Pfingstbergs erwartet. Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat sich angekündigt – sein Haus hat die Hälfte der Kosten für die 560 000 Euro teure Innensanierung der Villa im Unesco-Welterbe getragen. 210 000 Euro steuerte die Stadt Potsdam bei, 70 000 Euro übernahm der Lepsiushaus- Förderverein mit Hilfe einer Stiftung. „Wir freuen uns, dass wir jetzt so weit sind“, sagt der frühere evangelische Generalsuperintendent von Potsdam und Vorstand des Lepsiushaus-Vereins, Hans-Ulrich Schulz. Denn auf dem langen Weg zur Eröffnung der Forschungseinrichtung im einstigen Wohnhaus von Johannes Lepsius mussten einige Hürden überwunden werden. Von dort aus hatte der Theologe während des Genozids an bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg auch sein Hilfswerk für die christliche Minderheit geleitet.

Die Fassade der Villa der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten wurde bereits vor mehr als fünf Jahren saniert. Doch dann fehlte das Geld für weitere Arbeiten. Und auch als die Finanzierung für die Innenräume gesichert war, musste die Eröffnung mehrfach verschoben werden, zuletzt Ende 2010 wegen Problemen mit der Wasserversorgung.
All das ist nun Vergangenheit. Und der Geschäftsführer des Lepsiushaus-Vereins, Peter Leinemann, sprüht vor Begeisterung: Eine Ausstellung dokumentiert nun die Geschichte der Armenier, ihre Kultur, ihre Verfolgung, den Völkermord ab 1915 und die internationalen Hilfsbemühungen. Einen Konferenzraum hat das Haus bekommen, eine Bibliothek, einen Arbeitsbereich für Wissenschaftler.

Die Familiengeschichte von Lepsius, seine Biografie und das Engagement seiner Mitstreiter werden vorgestellt. „Er war ein großes Organisationstalent eines bis dahin nicht dagewesenen Hilfswerks mit humanitärem Charakter“, sagt Schulz dazu. Doch zu einer Lepsius-Gedenkstätte soll das Haus trotzdem nicht werden. Nicht als „Ikone“, sondern als „Kind seiner Zeit“ werde der Theologe vorgestellt. „Wir wollen tabulose Forschung.“ Auch die offizielle Sicht der Türkei auf den Völkermord, die den Genozid weitgehend leugnet, hat Eingang in die Dokumentation gefunden. „Das ist eine wichtige Ergänzung“, sagt Leinemann. „Wir fanden es wichtig, auch Positionen aus der Türkei aufzunehmen.“ Das Lepsiushaus stelle den Völkermord selbstverständlich „ganz klar“ als solchen dar, betont der Geschäftsführer. „Aber zum Versuch der Verständigung gehört auch, den anderen zuzuhören.“ Denn die Arbeit soll auch der Verbesserung der Beziehungen zwischen der Türkei, Armenien und Deutschland dienen. Das Haus trägt deshalb den Zusatz „Begegnungsstätte“ im Namen, die Jugendbildungsarbeit soll zu einer der Hauptaufgaben werden. „Es ist für uns ganz wichtig, Geschichte als Lernmöglichkeit zu vermitteln“, betont Leinemann. „Und damit einen kleinen Beitrag dafür zu leisten, dass die Welt ein wenig besser wird.“ Doch Hauptthema bleibt das „kulturelle Menschheitserbe“ der Armenier. Die Ausstellung endet deshalb mit einer Fototapete. Die Gäste werden dem heiligen Berg und Nationalsymbol der Armenier entgegengehen: Sie verlassen das Haus mit einem Blick auf den Ararat, den höchsten Berg der Türkei. (PNN)

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