Tagebau in Welzow : Wie im Grand Canyon

Im südbrandenburgischen Welzow können Touristen Bergleuten bei der Arbeit in einem Tagebau über die Schulter schauen. Die Wanderungen dauern sechs Stunden, elf Kilometer sind zu bewältigen.

Lars Hartfelder
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Mondlandschaft: Gegen den Staub können die Expeditions-Teilnehmer Plastikanzüge anziehen. -Foto: bergbautourismus

Welzow - Zentimeter für Zentimeter frisst sich der gigantische Abraumbagger durch die schwarze Erde. Das Betreten eines Tagebaus, in dem noch gearbeitet wird, war für Normalbürger bislang nahezu ausgeschlossen. Im südbrandenburgischen Welzow können Touristen nun den Bergleuten in 100 Metern Tiefe über die Schulter schauen.

Während sich mancherorts Widerstand gegen den Tagebau und die Kraftwerke in der Lausitz formiert, geht Karsten Feucht vom Bergbautourismusverein Welzow einen anderen Weg. Der Projektmanager entwickelte die Idee vom Bagger-Tourismus. „Anfangs sind wir dafür belächelt worden“, sagt er. „Wanderungen durch den aktiven Tagebau anzubieten, war einfach undenkbar.“ Doch inzwischen kommen Gäste aus ganz Deutschland nach Welzow.

Statt die Arbeiten im Tagebau nur aus der Ferne zu beobachten, gelangen Gäste mit einer geführten Tour nun hautnah an die 500 Meter lange, 200 Meter breite und 80 Meter hohe Förderbrücke des Typs F60 heran. Eine Berliner Wandergruppe beispielsweise startet am frühen Morgen am Buckwitzberg, einem künstlich aufgeschütteter Hügel. Von dort aus geht es an der Grubenkante entlang zu dem gewaltigen Stahlriesen. „Es ist beeindruckend, welche Erdmassen hier bewegt werden“, sagt Joachim Weidmann. So groß hat sich der 63-Jährige das alles nicht vorgestellt. Auch Ingrid Braack wandert zum ersten Mal mitten durch einen aktiven Tagebau. Der Untergrund ist weich, der Weg beschwerlich. Die 69-Jährige ist im ab 1981 abgebaggerten Lausitzer Dorf Tranitz geboren worden, heute lebt sie in Berlin. „Für die Menschen, deren Orte verschwinden, ist der Tagebau eine Tragödie“, sagt sie.

Karsten Feucht betont, dass die Touren nicht dazu dienen, dem Tagebau ein positives Image zu geben. „Jeder soll sich sein eigenes Urteil bilden“, sagt der 42-Jährige. „Die gigantischen Ausmaße können faszinieren oder erschrecken.“ Wohl wahr. Immer wieder bleiben Mitglieder der 45-köpfigen Berliner Gruppe stehen, fotografieren die Mondlandschaft und staunen über die riesigen Ausmaße der Grube. Karsten Feucht hat alle Hände voll zu tun, um die Gäste zum Weitergehen zu bewegen. Schließlich wartet auf einer kleinen Ebene das Mittagessen. Die weiß gedeckte Tafel bildet einen bizarren Kontrast zur aufgeschütteten Innenkippe, die an den Grand Canyon erinnert. „In ein paar Jahren ist diese Fläche verschwunden“, erzählt Karsten Feucht. „Dann wird hier Kohle gefördert.“ Im Anschluss an die kleine Stärkung folgt für die Gruppe die zweite Etappe. Nach sechs Stunden und elf Kilometern ist ihre Reise durch den Tagebau beendet.

„Die Abraumkippen sind ein gefährliches Gelände“, erklärt Karsten Feucht. Deshalb darf der Tagebau nur mit ausgebildetem Fremdenführer betreten werden. Die Besucher werden zuvor gründlich belehrt, Wege dürfen nicht verlassen werden. Jeder Gast, der den Tagebau betritt, muss zudem beim Betreiber Vattenfall angemeldet werden. Neben den Wanderungen werden auch Touren mit dem Fahrrad, Jeep, Quad, Flugzeug und Pferden angeboten. Lars Hartfelder

Die Touren finden noch bis Ende Oktober sonnabends ab 10 Uhr sowie wochentags nach Anmeldung statt. Kontakt über Telefon (035751) 28110 oder im Internet unter www.bergbautourismus.de

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