Boxen : Tankstellen neben Kirchen: Historische Dorfanger werden mit Konsumtempeln verbaut

Dorothea Flechsig

Wo früher im havelländischen Dallgow-Döberitz die Ernte gewogen wurde, steht heute ein Hotelklotz, höher als die danebenstehende Dorfkirche. Mittlerweile ist die 20-Millionen-Investition seit beinahe vier Jahren verwaist: Das Gastronomie- und Wellnesskonzept der Betreiber war in der kleinen Gemeinde nicht aufgegangen. Der 120-Betten-Komplex steht zum Verkauf. In Vehlefanz (Oberhavel) durften früher die Bauern ihr Vieh auf dem Dorfanger weiden, dann war der Platz jahrelang ein Schandfleck, heute "zieren" direkt in der Mitte des Ortes ein Supermarkt und eine Tankstelle die gotische Kirche aus dem 13./14. Jahrhundert.

Mittlerweile werden die Risse in der Kirchenwand immer größer. Der Grundwasserpegel hat sich durch die massive Nachbarbebauung verschoben, vermutet Pfarrer Thomas Köhler. Zumindest der Supermarkt musste auf Betonpfählen gegründet werden, die 20 Meter in die Tiefe reichen. Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde beklagt nicht die Vorhaben selbst, aber die ästhetische Verschandelung der Mitte des 1700 Einwohner zählenden Örtchens. "Für Supermärkte und Tankstellen gibt es genügend andere Plätze. Das gehört nicht in ein historisches Dorfzentrum." Er könne aus dieser Erfahrung heraus allen Menschen nur raten, sich rechtzeitig zu kümmern, was Verwaltungen und Gemeindevertreter umtreibt: Bürger sollten sich Planungen in frühem Stadium zeigen und erklären lassen, damit sie nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden, rät Köhler, der erst vor wenigen Jahren in seinen Heimatort zurückgekehrt ist. Als vor einem Jahr im Ort rund 700 Unterschriften gegen die beiden Zweckbauten gesammelt wurden, war es schon zu spät.

Lieselotte Picker aus dem Dallgower Ortsteil Dorf ist heute noch wütend. Die 69 Jahre alte Bäuerin hatte sich rechtzeitig gekümmert, sogar an Ministerpräsident Manfred Stolpe geschrieben. Was zurückkam, war eine Aufforderung zu einer Entschuldigung. Sie dürfe nicht länger behaupten, in Dallgow brächten die Bürgermeister ihre eigenen Investoren gleich mit. Dabei war die Frau nur entsetzt darüber gewesen, dass die Hotel-Errichter keines ihrer damaligen den Landwirten gegebenen Versprechen zur Dimension des Projektes oder zur Flächenbeanspruchung eingehalten hätten, erzählt Lieselotte Pickers Tochter Elke Groß-Picker. Weil die umliegenden, rund 130 Jahre alten, Gebäude nicht mit Ringankern im Baugrund gesichert sind, leiden die Bauernhäuser auch unter der Verschiebung der Grundwasserschichten durch das Hotel. Wenigstens habe man mit einer Unterschriftensammlung damals den Bau einer Tiefgarage verhindern können, erzählt Elke Groß-Picker.

Die 700 Unterzeichner gegen die Tankstelle in Vehlefanz müssen sich hingegen regelrecht verhöhnt vorgekommen sein: "Als wir am 21. März 2000 die Unterschriften abgegeben haben, erfuhren wir, dass am selben Tage die Baugenehmigung erteilt worden ist", sagt Anwohnerin Christina Schönberg. Ihre Familie fühlt sich durch die Geräusche der täglich laufenden Waschanlage gestört, in Köhlers Pfarrhaus ist es durch das Licht der Tankstelle bis in die Nacht hell. Bürgermeister Hubert Gediga verteidigt den Entschluss der Gemeinde, dem Bauvorhaben zuzustimmen: "Ich kann damit leben, die Fläche war vorher ein Schandfleck, zudem in Privatbesitz. Der damalige Eigentümer hat das Areal im als Mischgebiet ausgewiesenen Bereich an die Tankstellenkette Eggert Mineralöle verkauft."

Der jetzige Pächter der EM-Tankstelle sagt, dass die Geschäfte nicht sonderlich gut laufen. Nicht, weil die Vehlefanzer die ungeliebte Tankstelle boykottieren, sondern weil 1000 Meter entfernt eine andere Kette eine viel größere Station betreibt.

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