Boxen : Tatort Landesklinik

Ein Freigänger aus dem Maßregelvollzug missbrauchte offenbar mehrfach Jungen aus der Kinderpsychiatrie

Sandra Dassler

Eberswalde /Frankfurt. Der 38-jährige Mann, der in der Landesklinik Eberswalde zwei Jungen offenbar sexuell missbrauchte (der Tagesspiegel berichtete), hat die Kinder mit Zigaretten geködert. Das habe sich aus den Vernehmungen der Opfer ergeben, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder), Ulrich Scherding. Er bezeichnete die Aussagen der Kinder als glaubwürdig, da sie getrennt vernommen wurden. Außerdem wurden Verletzungen festgestellt, die ihre Schilderungen bestätigen.

Danach war der Zwölfjährige bereits am 4. oder 5. Dezember dieses Jahres von dem mutmaßlichen Täter angesprochen worden. Bei ihm handelt es sich um einen im Maßregelvollzug der Landesklinik Inhaftierten, der 1993 unter anderem wegen sexueller Nötigung und Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe mit „ergänzender Unterbringung“ im Maßregelvollzug verurteilt wurde. 1996 war er in die Landesklinik Eberswalde gekommen. Vor einigen Monaten stellte er einen Antrag auf Entlassung, doch das Oberlandesgericht lehnte ab. Der Mann erhielt aber von den Ärzten die Erlaubnis, sich ohne Aufsicht täglich für mindestens eine Stunde im Klinikbereich aufzuhalten. Bereits im Mai dieses Jahres soll er auffälligen Kontakt mit Patienten aus der Kinderpsychiatrie gehabt haben. Für einige Wochen wurde ihm daraufhin der Klinik-Ausgang gesperrt.

Beim Ausgang vor zehn Tagen soll der Beschuldigte dem Zwölfjährigen Zigaretten gegen sexuelle Handlungen angeboten haben. Dazu begab er sich mit ihm in ein leer stehendes Gebäude auf dem Klinikgelände. Der Zwölfjährige überredete daraufhin einem zehnjährigen Freund, der ebenfalls Patient in der Kinderpsychiatrie Eberswalde ist, beim nächsten Mal mitzukommen. Das sei am vergangenen Montag geschehen. Der mutmaßliche Täter habe wiederum in dem leer stehenden Gebäude an beiden Kindern sexuelle Handlungen vorgenommen. Eine urologische Untersuchung der Kinder ergab nach Aussagen der Staatsanwaltschaft deutliche Hinweise darauf, dass diese Angaben der Kinder der Wahrheit entsprechen.

Aufgeflogen war die ganze Sache offenbar nur, weil ein dritter Junge neidisch auf die Zigaretten wurde und einer Therapeutin alles erzählte. Der Beschuldigte war auch gestern noch nicht von den ermittelnden Behörden vernommen worden. Von der Landesklinik wollte sich niemand zu den Vorkommnissen äußern, aus dem Potsdamer Gesundheitsministerium verlautete auf Anfrage des Tagesspiegels, dass sich die Kinder mit Zustimmung der Eltern weiter in der Eberswalder Klinik aufhalten und das Erlebnis mit ihnen therapeutisch aufgearbeitet werde. Durch einen Klinikneubau werde es künftig kaum noch Berührungsmöglichkeiten zwischen Freigängern des Maßregelvollzugs und anderen Patienten geben. Die Staatsanwaltschaft prüft auch, ob die Ausichtspflicht in der Kinderpsychiatrie verletzt wurde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben