Boxen : Tempo 30 auf der Autobahn

Am Dreieck Nuthetal schleichen die Autos, und schwere Lastwagen müssen kilometerlange Umwege fahren. Und das noch zwei Monate lang

Claus-Dieter Steyer

Saarmund. Tempo 30 auf der Autobahn? Für alle aus Richtung Südwesten nach Berlin rollenden Autofahrer ist das kein Witz. Seit einigen Tagen muss der gesamte Verkehr am Autobahndreieck Nuthetal sein Tempo extrem reduzieren. Der Grund: Die Brücke über dem südlichen Berliner Ring ist derart baufällig, dass sie keine starken Erschütterungen mehr verträgt. Lastwagen mit 16 Tonnen Gesamtgewicht dürfen das aus dem Jahr 1938 stammende Bauwerk gar nicht mehr befahren. Sie müssen kilometerlange Umwege über die Anschluss-Stellen Ferch und Ludwigsfelde in Kauf nehmen. Aus Richtung Berlin und Potsdam ist am Autobahndreieck nur der Verkehr nach Dresden und Frankfurt (Oder) von den Geschwindigkeitsbeschränkungen betroffen. Nach Leipzig und Magdeburg läuft alles normal bei Tempo 80.

Die Behinderungen bleiben nach Auskunft des Brandenburgischen Autobahnamtes noch mindestens zwei Monate bestehen. Erst dann sind zwei Behelfsbrücken fertig. Bis dahin kommt das Dreieck Nuthetal vermutlich nicht mehr aus den Stau- und Blitzermeldungen heraus. Die Brandenburger Polizei hat den Abschnitt mit dem ungewöhnlichen Tempolimit mit Radarmessgeräten ins Visier genommen. Es blitzt sowohl auf und als auch unter der schadhaften Brücke. Hier wird der Verkehr von und zum Schönefelder Kreuz auf eine Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern gedrosselt.

Die Begründung dafür klingt allerdings wenig Vertrauen erweckend. „Es könnten durch die Erschütterungen kleine Betonteile auf die Fahrbahn fallen und die Autofahrer verunsichern“, sagt Wolf-Rainer Szameitat, stellvertretender Direktor des Brandenburgischen Autobahnamtes. „Netze unter der Brücke sollen die Gefahr bald bannen.“ Die jetzt festgestellten Brückenschäden kommen durchaus überraschend.

Im August 2001 hatten das Bundes- und Verkehrsministerium die Freigabe der als Avus bekannten sechsspurigen Strecke zwischen dem Dreieck Nuthetal und der Landesgrenze zwischen Berlin und Brandenburg verkündet. Auf dem 16 Kilometer langen Abschnitt wurden in fünfjähriger Bauzeit damals nicht nur die eigentliche Fahrbahn erneuert, sondern auch 22 Brückenbauwerke. Die Bundes- und Landesverkehrsminister versprachen damals „freie Fahrt von und nach Berlin“. Aber die Tücke liegt auch hier im Detail. „Das eigentliche Dreieck Nuthetal gehörte damals nicht zum Projekt, obwohl man das hätte vermuten können“, sagt Wolf-Rainer Szameitat. „Dessen kompletter Umbau beginnt erst im zweiten Halbjahr 2005.“ Das Amt hatte gehofft, dass die Brücke so lange noch halten würde. Aber eine Routine-Überprüfung förderte gravierende Schäden zutage.

Die Brücke am Dreieck Nuthetal ist im Brandenburger Autobahnnetz längst nicht das einzige Überbleibsel aus den 30er Jahren. Vor allem auf den Strecken zwischen Berlin und dem Dreieck Uckermark sowie nach Dresden rollt der Verkehr über Fahrbahnen und Brücken der alten Reichsautobahn. Beide Verbindungen werden zwar schrittweise erneuert, aber durch das Ausbleiben der Lkw-Maut steht die Finanzierung vieler Bauvorhaben auf der Kippe. So sollte eigentlich im nächsten Jahr die dringend notwendige Erweiterung des nördlichen Berliner Rings und der A 24 Berlin-Hamburg bis Neuruppin beginnen.

Private Sponsoren wollten dafür Geld geben. Dieser Kredit sollte dann durch die Einnahmen aus der Lkw-Maut getilgt werden. „Nun steht alles in den Sternen“, stellt Vize-Amtschef Szameitat ernüchternd fest. Diese private Finanzierung eines Autobahn-Ausbaus wäre ein Novum in Deutschland. Deshalb hatten sich viele Fachleute für dieses Pilotprojekt interessiert. Die Nutzer der Autobahn hätten von diesem Modell nichts gemerkt.

Wenigstens für die Behelfsbrücken am Dreieck Nuthetal reicht das Geld. „Eine komplette Sperrung hätten wir uns nicht erlauben können“, sagt Vize-Amtschef Szameitat. „Dafür ist sie viel zu wichtig“.

Eine allerdings hat Grund zur Freude: Brandenburgs Finanzministerin. Die zusätzlichen Einnahmen durch die Tempo-Kontrollen der Polizei dürften nach den Erfahrungen der letzten Tage Rekordhöhe erreichen.

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