Tote Zwillinge : Mutter will Schwangerschaft nicht bemerkt haben

Erneut hat es in Brandenburg einen Fall von Kindstötung gegeben. Eine Studentin hat offenbar ihre Zwillingsbabys ermordet, will sich aber nicht an eine Schwangerschaft erinnern können.

Sandra Dassler,Claus-Dieter Steyer

BiesenthalSchon wieder erschüttert ein schrecklicher Fall von Kindstötung das Land: Wie berichtet soll eine 21-jährige Studentin in Biesenthal bei Bernau ihre beiden Babys getötet haben – einen Jungen unmittelbar nach der Geburt und seinen Zwillingsbruder sogar noch im Mutterleib. Inzwischen wurde Haftbefehl wegen zweifachen Totschlags gegen die junge Frau erlassen.

Die 21-Jährige studiert in Mecklenburg-Vorpommern, will Lehrerin werden und bestreitet bei den Vernehmungen, überhaupt schwanger gewesen zu sein. Doch in der Nacht zu Mittwoch musste sie ins Krankenhaus gebracht werden. „Wir sind mitten in der Nacht durch einen höllischen Lärm wach geworden“, schildert die im Haus in Biesenthal wohnende Elisabeth K. das dramatische Geschehen. „Die Frau muss höllische Qualen durchlitten haben. So sehr brüllte und schrie sie.“ Mehrere Rettungssanitäter hätten sich um sie gekümmert. „Auf ihrer Trage lag sie mit einer Decke, unter der man die gespreizten Beine sah. Da war meinem Freund und mir klar, dass es sich um eine Entbindung handelte.“

Eine Entbindung, die nach allen bisherigen Erkenntnissen bereits im Gange war. Das Kind, dem die Ärzte im Berliner Krankenhaus mittels Kaiserschnitt auf die Welt verhalfen, lebte nicht mehr. Es war, so die Staatsanwaltschaft, noch im Leib der Mutter durch stumpfe Gewalt getötet worden. Schon deshalb wurde die Polizei eingeschaltet. Nach Entdeckung einer zweiten Nabelschnur wurde die Wohnung durchsucht. Dabei fanden die Beamten die Leiche des Zwillingsbruders, der nach jetzigem Ermittlungsstand lebend zur Welt kam und dann ebenfalls durch stumpfe Gewalt getötet wurde.

„Wir gehen davon aus, dass außer der Mutter niemand auf die Kinder eingewirkt hat und dass beide lebensfähig waren“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der als Kindsvater in Frage kommende Mann werde noch vernommen. Offenbar habe weder er noch das Umfeld der Frau von der Schwangerschaft gewusst.

Das bestätigt eine Nachbarin in Biesenthal. Sie hat die Studentin in den vergangenen Wochen einige Male gesehen – aber „ohne jedes Anzeichen einer Schwangerschaft“, wie sie sagt. Die höchstens 1,60 Meter große Frau sei von kräftiger Statur, so dass ein etwas dickerer Bauch bei den Begegnungen im Treppenhaus gar nicht aufgefallen wäre.

Die Familie der Studentin schilderte die Nachbarin als „sehr herzlich“. Stets wurde freundlich gegrüßt und auch zwischen Tochter und Eltern habe ein gutes Verhältnis bestanden. Umso erschütterter zeigten sich gestern die Nachbarn, als sie von Details der Tat hörten. „Ausgerechnet eine Lehramtsstudentin macht so etwas. Da muss sie ja sehr verzweifelt gewesen sein“, meinte eine ältere Frau.

Vor rund einem Jahr seien die Eltern in das Dachgeschoss des zweistöckigen Hauses in der Breiten Straße, der Biesenthaler Hauptstraße, gezogen. Davor sollen sie in Rüdnitz bei Bernau gewohnt haben. Der etwa 50 Jahre alte Vater – angeblich ein Unternehmer – habe in den Augen der Nachbarn einen „grundsoliden Eindruck“ gemacht.

Die Kriminalpolizei hat inzwischen die Wohnung der Eltern und das Auto der Studentin untersucht. Die Beamten befragten auch alle Nachbarn, ob sie Hinweise auf die Umstände der Tat geben könnten. Inzwischen ist die Wohnung der Eltern von der Polizei versiegelt worden. Sie selbst halten sich an einem unbekannten Ort auf. Ihre Tochter wird unterdessen im Haftkrankenhaus betreut. Ihr Verteidiger sagte, sie befände sich in einem „psychologischen Ausnahmezustand“ und habe die Schwangerschaft nicht bemerkt.

Das Phänomen der verdrängten Schwangerschaften gibt es häufiger: Diese Frauen betrügen sich selbst und wenn das Baby „plötzlich“ kommt, töten sie es in einer Art Kurzschlussreaktion. Bei der 21-Jährigen war aber noch ein zweites Kind da, das seinem Zwilling offenbar nicht unmittelbar folgte. Der Entschluss, dieses Baby noch in ihrem Leib zu töten, sei höchst ungewöhnlich und hätte auch die Mutter das Leben kosten können, sagen Experten.

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