Totes Mädchen am Bahnhof Wünsdorf : Mutter will Sicherheitsmängel beweisen

Ihre Tochter war vor einem Monat von einem durchfahrenden Zug erfasst worden, nun geht Catrin P. mit Vorwürfen gegen die Deutsche Bahn an die Öffentlichkeit. Hauptvorwurf: Der Bahnsteig sei zu schmal gewesen.

Ihre Tochter starb, weil sie von einem knapp zwei Meter breiten Bahnsteig vor einen einfahrenden Zug gefallen war. Mehr als einen Monat ist der Unfall auf dem Bahnhof im brandenburgischen Wünsdorf her. Nun wendet sich die Mutter der 15-jährigen Caroline, die dort am Nikolaustag aus dem Leben gerissen wurde, erstmals an die Öffentlichkeit. Sie befürchtet, dass die Deutsche Bahn (DB) sich „reinwaschen“ und mögliche Sicherheitsmängel von sich weisen wolle. Die Sorge der Mutter: Am Ende könnte es so aussehen, als wäre Caroline selbst schuld.

„Meine Tochter könnte heute noch leben, wenn die Missstände auf diesem Bahnhof nicht existiert hätten“, ist Catrin P. überzeugt. So wäre der Unfall nicht geschehen, wenn die Bahnsteigkante, in die Caroline gestolpert war, mit einem Zaun gesichert gewesen wäre. Außerdem hätte das Personal die wartenden Fahrgäste nur dann auf den schmalen Bahnsteig lassen dürfen, wenn ein Zug nach Berlin hält. Das Tor jedoch habe die ganze Zeit offengestanden, sollen Zeugen der Mutter berichtet haben.

Wie berichtet, wartete Caroline auf den Regionalexpress nach Berlin, wo sie bei ihrem Vater lebte. Der Zug hatte jedoch Verspätung. Stattdessen fuhr ein anderer Zug mit Tempo 120 durch den Bahnhof. Die Jugendliche habe sich so erschreckt, dass sie auf dem knapp zwei Meter breiten Bahnsteig einen Schritt rückwärts machte und von dem ebenso durchfahrenden Vogtland-Express erfasst wurde. Dies soll ein Zeuge der Polizei zu Protokoll gegeben haben.

Carolines Mutter macht sich darauf gefasst, dass die DB alles tun wird, um ein Fehlverhalten von sich zu weisen. „Sie werden den Sachverhalt so darstellen, als ob Caroline eine Mitschuld am Unfall trägt.“ So soll sie Kopfhörer getragen haben. „Das stimmt aber nicht. Ihre Kopfhörer lagen zusammengerollt in ihrer Tasche“, beteuert die Mutter. Caroline habe weder Alkohol noch Drogen konsumiert. Auch, dass sie sich freiwillig vor den einfahrenden Zug gestürzt haben könnte, sei „völlig abwegig“. „Sie war ein total glückliches Kind“, sagt die Mutter.

Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Da dies „sehr umfangreich“ sei, könne erst in ein bis zwei Wochen mit einem Ergebnis gerechnet werden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ralf Rockenbuck. Zu den Ermittlungen gehörten neben der Überprüfung der baulichen Gegebenheiten auf dem Bahnsteig und Zeugenaussagen auch, ob ein strafbares Verhalten der „für die Sicherheit zuständigen Bediensteten vorliegt“. Im Klartext heißt das: Es wird auch ermittelt, ob der Verantwortliche auf dem Bahnhof sich strafbar gemacht hat, indem er geschlampt und bestimmte Regeln nicht beachtet hat – beispielsweise, die Fahrgäste erst auf den Bahnsteig zu führen, wenn ein Zug nach Berlin hält und nicht vorher durch das  Tor zu lassen.

Zwar befindet sich ein Hinweisschild an der Pforte zum Bahnsteig, dass dieser nicht ohne Erlaubnis betreten werden darf. Doch wenn das Tor offen steht, ist laut Zeugenaussagen das Schild gar nicht wahrzunehmen, sagt Catrin P. „Außerdem muss es doch möglich sein, ein Schild zu übersehen, ohne dass man dafür gleich mit dem Leben bezahlt“, sagt sie aufgebracht. Kürzlich hat sie Flugblätter geschrieben und in Wünsdorf verteilt. Die Anwohner werden darauf aufgefordert, sich zu melden, wenn ihnen Mängel und Fahrlässigkeiten auf dem Bahnhof aufgefallen sind. Zudem weist sie darauf hin, dass am Donnerstag das ARD-Magazin „Kontraste“ über den Unfall berichten wird.

Die Deutsche Bahn wollte sich gestern mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Tanja Buntrock

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