Boxen : Totgesagte spielen länger

Das Theater in Brandenburg an der Havel hat fast kein Personal mehr – dafür aber künstlerischen Erfolg

Frederik Hanssen

Das Finale von Giuseppe Verdis „Rigoletto“ gehört zu jenen Opernszenen, bei denen Musiktheater-Muffel laut aufstöhnen. Gerade will der Hofnarr den Sack mit der Leiche des Herzogs in den Fluss werfen, da ertönt aus dem Off die Stimme seines Herrn: „Oh, wie so trügerisch sind Weiberherzen“, schmettert der Totgeglaubte. Wenn der adlige Schürzenjäger, der auch Rigolettos Tochter Gilda verführte, noch lebt – wer ist dann in dem Sack, den ihm der Lohnkiller überreichte? Es ist Gilda selber, die sich aus Liebe opferte und nun zum großen Schlussduett mit dem Vater ansetzt.

Total unrealistisch, völlig absurd?! Nun ja, in Brandenburg an der Havel konnten Opernfans vor zwei Jahren so einen „Rigoletto“-Effekt beobachten: Das traditionsreiche Theater der Stadt war von den Finanzpolitikern längst abgeschrieben, jeder Bühnenmitarbeiter, der keinen lebenslänglichen Vertrag hatte, gefeuert. Der Sack war zu – und doch erwachte die totgesagte Bühne gegen jede Logik zu einem neuen Leben. Intendant Christian Kneisel gelang es nicht nur, einen Spielbetrieb auf der Basis von Stückverträgen und weitgehend ohne festes Personal aufzubauen, sondern vor allem, die Leute vor Ort wieder in ihr Theater zu locken.

Von Sinfoniekonzerten über Kinderproduktionen, Oper, Operette, Schauspiel bis zu Puppentheater haben die Brandenburger mit bescheidensten Mitteln im Jahr 2002 sagenhafte 275 Vorstellungen auf die beiden Bühnen des CulturCongressCentrums am Stadtpark gebracht – und wurden mit einer Auslastung von durchschnittlich 85 bis 90 Prozent belohnt. Bei der Premiere von Verdis „Rigoletto“ wollten jetzt so viele Brandenburger dabei sein, dass zusätzliche Stühle in den Saal gestellt werden mussten.

Der erfreuliche Erfolg hat noch einen zweiten Namen: Michael Helmrath. Denn der Münchner Dirigent hat die Brandenburger Symphoniker in kürzester Zeit auf ein bis dahin ungeahntes Niveau geführt: So elegant und mit tänzerischer Leichtigkeit gespielt hört man Verdis Meisteroper selbst in den ganz großen Häusern selten. Dabei verzärtelt Helmrath nichts, erlaubt sich auch südländische Emphase, wo die Emotionen auflodern. Doch damit sind die guten Nachrichten auch schon zu Ende: Obwohl die Stadt Brandenburg innerhalb des Kulturverbundes mit Potsdam und Frankfurt eigentlich für Oper zuständig ist, bleibt der „Rigoletto“ die einzige große Musiktheaterproduktion in dieser Saison.

Der ohnehin äußerst knapp bemessene Produktionsetat ist 2003 nämlich um fast ein Drittel geschrumpft. Neben den Tarifsteigerungen und der Lohnanpassung Ost, die das Theater selber ausgleichen muss, drückt die Kredittilgung schwer aufs Budget: Die Abfindungskosten für die Abwicklung ihres eigenen Personals wurden der Institution nämlich aufgebrummt: 800 000 Euro jährlich sind zurückzuzahlen für Mitarbeiter, die es nicht mehr gibt.

Unter anderem musste Christian Kneisel darum schweren Herzens eine spektakuläre Operetten-Uraufführung verschieben. Aufhalten lassen sich die sturmerprobten Brandenburger Theatermannen von solchen Rückschlägen aber nicht: Für den Herbst planen sie stattdessen nun einen Eduard Künneke-Abend sowie ein Michael-Ende-Stück als Gemeinschaftsprojekt des hauseigenen Puppenspielensembles mit dem Orchester.

Weitere „Rigoletto“-Aufführungen am 17., 19. und 21. April, Infos unter (03381)511111 oder www.brandenburgertheater.de

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