Tourismus : Liebling Lausitz

Mit dem Jeep über staubige Mars-Hügel, per Floß über neue Seen: Ausgefallene Touren durch die Tagebaulandschaft sind immer populärer.

Claus-Dieter Steyer
Jeep
Über Sumpf und Sand. Im Geländewagen ist das Gebiet zu erkunden. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Grossräschen - Der Mars liegt gleich um die Ecke. Der Eiffelturm ruht waagerecht am Ufer eines sich langsam füllenden Sees. Und die mittelalterliche Festung Castel del Monte in Süditalien besticht mit einer hübschen Kopie.

Gut, vielleicht braucht man wirklich ein bisschen Phantasie, aber völlig aus der Luft gegriffen sind diese Vergleiche nicht. Denn der Abbau der Braunkohle hat der zwei Autostunden südlich Berlins gelegenen Lausitz so manches ungewöhnliche Gebilde hinterlassen.

Während nicht wenige Einheimische die Zeugnisse einer kolossalen Landschaftszerstörung und einer übel riechenden Luft nach der Wende möglichst zerstören wollten, stellten sich Menschen mit klugen Ideen in den Weg: Touristen sollten angelockt, Geldquellen erschlossen und der Lausitz ein neues Gesicht verpasst werden. Das ist nicht zuletzt dank der 1995 ins Leben gerufenen Internationalen Bau-Ausstellung (IBA) „Fürst- Pückler-Land“ tatsächlich gelungen. Vor wenigen Tagen hat die neue Tourismussaison begonnen, in der 20 Stationen auf ganz unterschiedliche Weise besucht werden können.

„Im vergangenen Jahr nahmen etwa 7500 Gäste an unseren Touren teil“, sagt Antje Boshod, Chefin des IBA-Tourenservice. „So viele Neugierige hatten wir noch nie zuvor. Mit neuen Angeboten wollen wir uns noch stärker als lohnendes Ausflugsziel ins Gespräch bringen.“ Doch der Klassiker bleibe die „Reise zum Mars“: Dabei geht es zu Fuß und erstmals auch per Jeep in eine überaus bizarre Landschaft. Riesige Schaufelradbagger hatten sich bis in 60 Meter Tiefe gegraben, um an die im Schnitt zwölf Meter starken Kohleflöze zu gelangen. Auf den Abraumhalden wächst oft kaum ein Grashalm, so dass Regen und Wind ganz eigentümliche Formen zaubern konnten. Da lag der Vergleich mit dem Mars auf der Hand. Manchmal stellen sich die Tourenteilnehmer aber auch vor, einmal über den Mond oder durch die amerikanischen Grand Canyons zu spazieren. Dabei handelt es sich lediglich um den früheren Tagebau Meuro.

Fest steht aber auch, dass die Spaziergänge in eine Tagebaugrube bald nicht mehr möglich sind. Denn die meisten Löcher werden mit Wasser aus der Spree und der Lausitz und aufsteigendem Grundwasser geflutet. Bis spätestens 2018 entsteht eine Kette aus 20 Seen, deren Gesamtfläche etwa der der Insel Usedom entspricht. „Schiffbare Kanäle zwischen neun Seen eröffnen für den Wassersporttourismus phantastische Möglichkeiten“, sagt IBA-Chef Professor Rolf Kuhn. „Allerdings wollen wir keine zweite Mecklenburgische Seenplatte bieten, die sich ja auf ganz natürliche Weise gebildet hat.“ Das Lausitzer Seenland, das unter anderem auf mehreren Bustouren erlebt werden kann, solle seine Geschichte als Folge des Bergbaus immer zeigen.

Das klappt ganz anschaulich am „Liegenden Eiffelturm“ in Lichterfeld, unweit der Autobahn zwischen Berlin und Dresden. Dabei handelt es sich um eine 502 Meter lange und bis zu 78 Meter hohe Abraumförderbrücke, die 1990 eigentlich so wie viele andere stählerne Ungetüme verschrottet werden sollte. Einige Gemeindevertreter stellten sich den Plänen entgegen und retteten die Förderbrücke „F 60“. Heute gehört sie zu den erfolgreichsten IBA-Projekten, kletterten doch im Vorjahr rund 70 000 Neugierige unter der Führung früherer Kumpel über die einstigen Förderbänder und genossen den Ausblick über den langsam entstehenden Tagebausee. „Vom Eiffelturm in neue Wildnis“, so lautet der Titel einer 40 Kilometer langen Radtour.

Wachsendem Zuspruch erfreuen sich auch die Biotürme in Lauchhammer, die schon mal mit der süditalienischen Festung Castel del Monte verglichen werden. Sie gehörten einst zur Großkokerei. Wo Besucher heute von den beiden 16 und 19 Meter hohen Aussichtskanzeln sowie von einer begehbaren Turmkrone in 22 Meter Höhe den Rundblick genießen können, wurden zwischen 1951 und 1991 die bei der Verwandlung von Braunkohle in Koks anfallenden phenolhaltigen Abwässer durch Bakterien gereinigt. Anfang der neunziger Jahre folgte auf die Stilllegung der riesigen Kokerei deren Demontage. Zurück blieben nur die jeweils aus einem Quartett bestehenden sechs Turmkörpergruppen. Auch sie sollten ursprünglich dem Boden gleich- gemacht werden, bis sich einige Enthusiasten um die Erhaltung bemühten. Insgesamt 1,4 Millionen Euro kostete die Sanierung. In dem Geld stecken auch jene Mittel, die eigentlich für den Abriss vorgesehen waren.

Die meisten Exkursionen beginnen auf den IBA-Terrassen in Großräschen (siehe Infokasten). Hier gibt es nicht nur sehenswerte Ausstellungen, sondern auch einen Blick über den künftigen Ilse-See. Liegestühle auf feinstem Sand stimmen bereits auf künftiges Strandleben mitten in der Lausitz ein. Claus-Dieter Steyer

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