Boxen : Traditionsunternehmen droht das Aus

Allen Mitarbeitern der Firma Hesco wurde gekündigt, die Firma umbenannt. Nur eine ist fein raus: Katherina Reiche, die CDU-Bundestagsabgeordnete, hat ihre Anteile abgegeben

Thorsten Metzner

Luckenwalde. Die Firma galt als Vorzeige-Unternehmen. Doch jetzt droht der Luckenwalder Hesco GmbH, die Kunststoffteile für Handys und die Automobilindustrie produziert, das Aus. Allen 60 Mitarbeitern wurde zum 31. Juli gekündigt.

Keine Aufträge, die Branchenkrise sei schuld, sagt die Geschäftsführung. Es klingt wie eine jener alltäglich gewordenen Pleite-Meldungen aus dem Brandenburgischen. Aber Andreas Kahnert, der zuständige Gewerkschaftssekretär der IG Metall aus Ludwigsfelde, widerspricht:„Die Firma soll nur unter anderem Namen mit der halben Belegschaft weitergeführt werden.“ Für ihn fällt der Fall Hesco völlig aus dem Rahmen. Ein „solch dreistes Vorgehen“ habe er noch nicht erlebt. Es sei bezeichnend, dass der Gang zum Insolvenzverwalter ausbleibe, obwohl selbst die Juni-Löhne der Arbeiter noch nicht gezahlt worden seien, so Kahnert. „Das sind Wildwest-Methoden.“

Was die Vorwürfe noch bemerkenswerter macht: Die Hesco GmbH, die jetzt in HC Kunststofferzeugnisse GmbH umbenannt wurde, hatte bis vor kurzem einen prominenten Mitgesellschafter: Die Potsdamer CDU-Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche, vor der Bundestagswahl Mitglied in Edmund Stoibers „Kompetenzteam“. Dass sich Reiche im Mai von ihren Anteilen an dem 1990 privatisierten Familienunternehmen trennte, ist für Kahnert kein Zufall. „Sie hat sich rechtzeitig zurückgezogen, um ihre weiße Weste zu behalten.“ Reiche, die sich vorher gern mit ihrer Unternehmerrolle brüstete, will zu den Vorgängen nichts sagen. Sie sei an der Firma nicht mehr beteiligt und werde sich deshalb dazu nicht äußern.

Der Potsdamer Anwalt Jörg-Klaus Baumgart, der im Auftrag der Eigentümerfamilie an einem Konzept zur Weiterführung der Firma arbeitet, verteidigt das radikale Vorgehen. Es handele sich um eine gezielte Sanierung des Unternehmens, mit der der Gang zum Insolvenzverwalter und ein drohendes Aus abgewendet werden solle: „Es war ein glasklarer Schnitt nötig.“

Es gebe in Deutschland wegen des rigiden Arbeitsrechts keine andere Möglichkeit, um eine Firma gesundzuschrumpfen, so Baumgart. Die Alternative zur Kündigung der gesamten Belegschaft wäre das überholte Sozialauswahl-Punktesystem gewesen, nach der alte Arbeitnehmer bleiben, die jungen Mitarbeiter aber entlassen werden müssten. Die Firma lasse sich auch mit der Hälfte der Belegschaft effizient weiterführen, davon ist Baumgart überzeugt.

Neben Katherina Reiche habe sich auch ihre Mutter aus der Firma zurückgezogen. Allerdings nur aus der Geschäftsführung – Eigentümerin ist sie noch immer. Dass das Unternehmen umfirmiert wurde, habe natürlich auch damit zu tun, „dass sich sonst alle auf Katherina Reiche gestürzt hätten“, sagt Baumgart. Und mit den Löhnen – bislang vier Tage in Verzug – müsse sich die Belegschaft etwas gedulden.

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