Boxen : Überhebliche Anspruchshaltung

Thorsten Metzner

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Diese Geschichte hat schon viele Irrungen und Wirrungen: Der Aufbau des Potsdamer Stadtschlosses. Seit nunmehr 16 Jahren wird darüber gestritten. Schon oft wurde gejubelt, zu früh. Der Alte Markt, auf dem einst das Knobelsdorffsche Königsschloss stand, blieb Ödland. Viele hatten die Hoffnung aufgegeben, dass die historische Mitte Potsdams geheilt wird. Am Mittwoch soll nun die Entscheidung dafür fallen.

Es wäre ein Wunder. Aber es könnte wahr werden – anders als in der Bundeshauptstadt hinter der Glienicker Brücke, wo nach dem Karlsruher Spruch der Aufbau des Berliner Schlosses in noch weitere Ferne gerückt ist. Potsdams Stadtverordnete werden am Mittwoch den wichtigsten Bebauungsplan seit dem Fall der Mauer beschließen: Auf dem Alten Markt soll der neue Brandenburgische Landtag gebaut werden. Ein modernes Parlamentsgebäude, das jedoch äußerlich auch so aussehen soll wie das berühmte Knobelsdorffsche Vorbild. Kein Architekt der Gegenwart hat in 16 Jahren für diesen Ort etwas Besseres vorgelegt.

Trotzdem ist man in Potsdam nicht zufrieden – und will mehr. Es tobt der alte Dauerstreit um Bewahren und Verändern. Der einflussreiche Denkmalschutz-Flügel im Stadtparlament, zu dem Grüne, Christdemokraten und einige SPD-Genossen gehören, will das von Land und Rathausspitze ausgehandelte Planwerk verschärfen, so dass das Stadtschloss nur auf den Zentimeter originalgetreu errichtet werden dürfte. Man kann das nach früheren Bausünden a la Potsdam-Center, bei denen alle hinters Licht geführt wurden, sogar verstehen.

Natürlich ist am wichtigsten Ort Potsdams, an der Wiege der Stadt, auch exzellente Architektur und Qualität einzufordern. Trotzdem gilt auch hier eine Demarkationslinie – das Geld. Finanzminister Rainer Speer fürchtet bei zu strikten städtischen Vorgaben mit Recht eine Kostenexplosion. Er droht für diesen Fall, den maroden Landtag auf dem Brauhausberg zu sanieren, was billiger wäre. Speer pokert, sicher. Man darf auch bezweifeln, ob seine Drohung klug ist. Er kann sich aber der Zustimmung des Landtages sicher sein. Es fiel Brandenburgs Volksvertretern aus gebeutelten Regionen wie Prignitz, Uckermark und Lausitz schon schwer genug, in diesen Zeiten 80 Millionen Euro für ein „Landtags-Schloss“ zu bewilligen – und dies vor den Wählern zu rechtfertigen.

Erstaunlicherweise wurde das in Potsdam schnell vergessen. Man muss deshalb nach der Mentalität, nach dem Selbstverständnis in dieser Stadt fragen, in der Weitsicht, Kleingeist und Kirchturmdenken dicht beieinander liegen und sich eine merkwürdige Anspruchshaltung ausbreitet. Das geplante Niemeyer-Bad und der gerade eröffnete Theater-Neubau werden als Selbstverständlichkeit gesehen, der neue Landtag auch. Brandenburgs Hauptstadt beginnt, die Bodenhaftung verlieren, sich von den Realitäten eines eher verarmenden Landes zu entfernen. Wenn die Potsdamer sich von diesem Anspruchsdenken nicht bald verabschieden, werden sie am Ende mit leeren Händen da stehen.

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