Boxen : Unsicher in Sicherheit

Von Notquartieren aus beobachten die Mühlberger, was die Flut in der Stadt anrichtet. Genaues wissen sie nicht. Und helfen können sie auch nicht

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Von Claus-Dieter Steyer

Mühlberg. Mehrere Frauen und Männer stehen um den Fernseher in der Elsterlandhalle in Herzberg. Alle Kanäle bringen Berichte über das Hochwasser in Deutschland, doch der junge Mann an der Fernbedienung schaltet hin und her. „Wir brauchen Mühlberg“, sagt er und bleibt bei n-tv hängen. Das Laufbahn verkündet „angespannte Lage“ und „Evakuierung“. Seit Stunden gibt es keine neuen Meldungen. Etwa 50 Personen aus der Hochwasserregion wurden in die Kreisstadt Herzberg umquartiert. Es ist ihr zweites Quartier. Zuerst waren sie in der Schule von Neuburxdorf. Doch die wurde geräumt, als sich die Lage am Damm zuspitzte. Was zu hause los ist, wissen die Menschen in der Mehrzweckhalle nicht.

Brigitte Kasper hatte kaum Zeit zu packen. „Es ging ja alles so schnell, dass wir aus Mühlberg heraus mussten“, sagt sie. „Wir haben noch Viehzeug zu Hause.“ Katze, Hühner und einige Hasen. Die müssen doch gefüttert werden. An ihre Kühltruhe denkt dagegen Brigitte Neumann. „Hoffentlich wird der Strom nicht abgeschaltet“, sagt sie. In der Aufregung habe sie vergessen, den Kühlschrank und die Kühltruhe auszuräumen und abzustecken. „Mensch, vielleicht steht dann alles unter Wasser, selbst wenn die Flut Mühlberg verschont.“ Im Fernsehen ist wieder von Mühlberg die Rede. „Ein Damm ist in Stehla gerissen“, brüllt ein älterer Mann. Keine fünf Kilometer bis zu seinem Haus. „Jetzt saufen wir wohl doch noch ab.“ Er schimpft. Die Wartezeit sei unerträglich und nervend. In Neuburxdorf sei es besser gewesen. „Da konnten wir wenigstens auf dem Bauhof Sandsäcke füllen und bis zum Umfallen schuften.“ Nun sitzen sie in Herzberg rum und machen nichts.

Ins Notquartier sind aber nur die wenigsten Mühlberger gegangen. Die meisten sind in Pensionen, Hotels oder zu Verwandten gezogen. Für die Kosten der Übernachtungen muss jeder selbst aufkommen. Markus Krügl sitzt seit Tagen im Landhotel „Zur Biberburg“ in Bad Liebenwerda fest. „Wir haben gerade mit viel Aufwand eine Villa im alten Zisterzienserkloster renoviert“, sagt er. Freiwillig hätte er das Haus nicht geräumt. Aber seine Frau ist sehr krank. Jeden Morgen fährt er nun nach Mühlberg. „Wenigstens für einen Blick, dass alles noch steht. Das beruhigt.“ Das ganze Erdgeschoss ist mit einer Sandsackbarriere gesichert.

Rund 50 Menschen sind kurz nach ihrer Ankunft in der Herzberger Elsterlandhalle gleich wieder weitergefahren. „Familien standen an der Tür und boten Platz in ihren Wohnungen an“, sagt Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech. „Die Hilfsbereitschaft ist enorm. Hier halten die Brandenburger wirklich zusammen. Es ist eine bewundernswertes Solidarität.“ Die Pfarrerin ist in dem ganzen Trubel leicht zu erkennen. Sie trägt eine grüne Weste mit der Aufschrift „Notfallseelsorge“. Mit weiteren zwölf Kollegen hat sie die Betreuung der Ausquartierten übernommen. „Vor allem bei älteren Menschen kommt das Gefühl auf, wieder alles zu verlieren“, sagt sie. „Ein Herr erinnert sich an seine Flucht aus Schlesien am Kriegsende. Ihm geht es natürlich jetzt nicht gut.“

Die Notfallseelsorger fühlen sich als eine Art Ruhepol. „Nach jeder Fernsehnachricht müssen wir die Menschen möglichst schnell beruhigen“, sagt Pfarrer Frank Hirschmann. „Wir erkundigen uns dann sofort beim Krisenstab und können meist Entwarnung melden.“ Deshalb arbeiten die Notfallseelsorger fast genauso angespannt die Helfer direkt am Deich. „Die Menschen wollen in ihrer Not vor allem eins: reden“, sagt der Pfarrer.

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